Text 9: Lucy Zauberschuh Vorlesen

29. Jun 2022Almut Anders
Almut Anders

Lucy Zauberschuh

von Almut Anders

Lucy ist mega-aufgeregt.
Im Schlafanzug rennt sie in die Küche.
„Alles Liebe zum Geburtstag“, mein Schatz, sagt Mama.
Sie küsst Lucy auf die Wange, dass es nur so schmatzt.
Auf dem Küchentisch stehen ein Strauß gelber Narzissen und ein Geburtstagskuchen mit Schokoguss.
Daneben liegt ein Päckchen.

Lucy reißt das Geschenkpapier auf.
Die bunten Schnipsel fliegen auf den Küchenfußboden.
Lucy hält kurz die Luft an.
Dann öffnet sie die Schachtel.
„Oh“, macht Lucy.

„Zieh sie doch gleich mal an“, sagt Mama.
Lucy schlüpft in die lila Sneakers mit goldenen Herzen.
Sie guckt an sich runter.
„Na?“, fragt Mama.
„Mega-cool“, sagt Lucy.

Dann pustet Lucy 14 Kerzen auf ihrem Geburtstagskuchen aus. Sie schließt die Augen, so fest sie kann.
Beim Wünschen muss man die Augen schließen,
damit der Wunsch auch in Erfüllung geht.

Lucy weiß genau, was sie sich wünscht.
Obwohl ihr klar ist, dass es schwierig wird mit ihrem Wunsch.
Oder sogar unmöglich.
Wünschen kann sie es trotzdem.
So wie letztes Jahr.
Und im Jahr davor.

Lucy blinzelt ihre Tränen weg.
Sie guckt aus dem Küchenfenster.
Draußen ist Frühling.
Die Sonne scheint.
Die Bäume im Hof haben hellgrüne Knospen.
Draußen ist Frühling.
Der Himmel leuchtet blau.

Lucy spürt sogar ein klitzekleines Sommer-Feeling.
Und wenn sie noch tiefer in sich hineinhorcht,
sind da auch Herbst und Winter.
Alles ist ein bisschen durcheinander in Lucy.
Mama sagt Pubertät dazu.
Lucy nennt es ihren inneren Klimawandel.

„Es wird Zeit für mich“, sagt Mama.
Sie trinkt ihren Kaffee aus und geht zur Arbeit.
Lucy hat Ferien.
Sie isst noch ein Stück Schokoladenkuchen.
Die Sneakers leuchten lila und die Goldherzen glitzern.
Mama hat die Sneakers selbst gefärbt und mit Strass beklebt. Lucy hätte lieber gekaufte Sneakers.
Aber das kann sie Mama nicht sagen.

Dann bekommt Mama eine Krise.
Dann geht bei Mama das Licht aus.
Dann ist sofort Winter in Mamas Herz.
Dann wird es düster und kalt um sie herum.

Lucy versteckt ihre Enttäuschung über die selbstgemachten Sneakers, solange Mama hinguckt.
Das hat sie in den letzten 2 Jahren gelernt.
Aber jetzt ist Mama weg und Lucy kann die Sneakers kindisch finden.
Wer trägt denn mit 14 noch selbstgefärbte Sneakers?
Außer ihr bestimmt kein Mensch auf der ganzen Welt.

Lucy sieht schon, wie die anderen Mädchen sie auslachen.
Vor allem Greta.
Greta ist das coolste Mädchen in ihrer Klasse.
Sie trägt hippe Klamotten und angesagte Marken-Sneakers.
Der Frühlingsmorgen in Lucy bekommt einen dicken Kratzer.

Das geht in Richtung Herbst auf ihrem Stimmungsbarometer. Spätherbst, um genau zu sein.
Schlammig und grau schnappt er nach Lucy.
Aber Lucy macht nicht mit.
Sie lässt es einfach nicht zu.
Heute klappt es.
Heute hat sie Geburtstag.
Sie ist 14. Sie hat schulfrei.
Heute kann bloß Frühling sein.
Drinnen in Lucy und draußen am Himmel.

Lucy stellt sich vor den Spiegel.
Die Sneakers sind wirklich schön.
Für ein Kind sind sie perfekt.
Mama hat sich echt Mühe gegeben.

Nächste Woche geht die Schule wieder los.
Lucy kann unmöglich mit diesen Baby-Sneakers hingehen.
Da hat sie hat eine Idee.
Wenn Mama hinguckt, wird sie die Sneakers morgens anziehen. Und ehe sie in die Schule reingeht,
zieht sie die alten Sneakers an.
Die sind zu klein und die Sohle ist kaputt.
Aber immer noch besser als lila Kinderschuhe mit goldenen Herzen.

Genau so wird Lucy das machen.
Greta kann sie mal.
Sie wird ihr keinen Anlass geben,
über sie oder Mama zu lachen.
Lucy hat wieder den Frühling im Bauch.
Es singt und klingt wie Vogelzwitschern.

Mama wird glauben, dass Lucy die lila Sneakers cool findet. Mama braucht das.
Sie hat genug Sorgen,
da will Lucy ihr keinen Kummer machen.
Seit 2 Jahren ist bei Mama ziemlich oft Winter.

Manchmal bleibt sie den ganzen Sonntag im Zimmer.
Erst abends kommt sie wieder raus.
Dann nimmt sie Lucy in den Arm.
Dann küsst sie Lucy auf die Wange, dass es nur so schmatzt. Dann geht sie in die Küche und macht Kartoffelpuffer mit Apfelmus, Lucys Lieblingsessen.

Neulich hat Lucy eine Scheibe gebastelt.
Darauf hat sie die vier Jahreszeiten gemalt.
Für den Frühling hat sie himmelblau und knospengrün genommen.
Der Sommer ist tomatenrot und sonnengelb.
Der Herbst kastanienbraun und schlammgrau.
Und der Winter ist matschgrün und wolkenschwarz.

Mitten auf der Scheibe hat sie zwei Zeiger befestigt,
wie bei einer Uhr.
Einen Zeiger für sie, den anderen für Mama.
Seitdem stellen sie morgens ihre Gefühle-Uhr.
So nennt Lucy die Scheibe.
Dann wissen beide, wie sich die andere gerade fühlt.

Heute haben Mama und Lucy dieselben Gefühle.
Beide Zeiger stehen auf Frühling.
Und wenn es nach Lucy geht, kann das so bleiben.

Das mit den Jahreszeiten ist eine Geschichte von früher zwischen Mama und Lucy.
Als Papa noch lebte, haben sie damit angefangen.
Damals haben sie vom Wetter geredet,
wenn sie über Papa sprachen.
Wenn Mama sagte: „Heute ist es wintergrau“,
meinte sie, dass es Papa schlecht geht.
Papa war sehr krank.

Lucy glaubt bis heute, dass Papa trotzdem genau wusste,
was mit ihm los war.
Und er wusste auch,
dass sie und Mama es wussten.
Lucy hat mitgemacht
damit Mama weniger traurig ist.

Als Lucy neulich die Scheibe im Flur aufgehängt hat,
hat Mama sie auf die Wange geküsst,
dass es nur so schmatzte.
Hinterher hat sich Lucy den Lippenstift abgewischt.
Lucy wird Mama mal sagen,
dass sie keine Wangenküsse mehr mag.
Mit 14 kann man das, findet Lucy.

Vielleicht sollte Lucy ihr auch sagen,
dass selbstgemachte Geschenke manchmal uncool sind.
Aber das hebt sie sich besser auf, bis sie 15 ist.

Lucy geht in den neuen Sneakers runter auf die Straße.
Mama wird später fragen, was sie so gemacht hat den Tag über.
Besser, Lucy übt gleich mal.
Bestimmt gucken alle,
wenn sie mit diesen albernen Kinder-Sneakers herumläuft.
Bestimmt denken alle, sie ist höchstens 12.
Besser jetzt, als nächste Woche,
wenn die Schule wieder losgeht.

Lucy betrachtet sich in der Fensterscheibe vom Supermarkt. Bei jedem Schritt blinkt es lila und golden.
Zum Glück ist gerade wenig los auf der Straße.
Eine Frau mit Kinderwagen guckt auf Lucys Füße und lächelt.
Der Postbote grüßt sie freundlich.

Er hat keinen Blick für Lucys Schuhe.
Männer sehen so etwas nicht, sagt Mama.
Ob das stimmt?
Papa hätte die neuen Sneakers sofort bemerkt, denkt Lucy. Aber Papa war ja auch nicht irgendein Mann.
Er war Papa.
Und sicher hätte er ihr die teuren Marken-Sneakers gekauft.

Lucy wirft einen letzten Blick auf ihr Spiegelbild im Supermarkt-Schaufenster und geht weiter.
Sollen die Leute doch glotzen.
Heute ist sie vor den Mädchen aus ihrer Klasse sicher.
Vor allem vor Greta.
Die Luft ist warm.
Die Blüten an den Sträuchern duften süß.
Lucy atmet den Frühling tief in sich ein.

„Lucy!“, ruft da jemand.
Lucy dreht sich um und sieht in das lachende Greta-Gesicht. Greta sieht immer aus wie Sommer.
Kein Wunder. Greta ist hübsch und alle mögen sie.
Lucy ist sprachlos. Ihr Mund bleibt weit offen stehen.
Sofort kommt ein Schwall Winterluft hinein,
obwohl doch Frühling ist.
Lucy schluckt die Kälte runter.
Es schmeckt nach altem Schnee.

„Hey“, sagt Greta und guckt auf Lucys Sneakers.
„Hey“, sagt Lucy und guckt in Gretas Gesicht.
„Coole Farbe“, sagt Greta.
„Geburtstagsgeschenk von meiner Mama“, sagt Lucy.
Sie dreht den linken Fuß hin und her.
Die Herzen glitzern.
Auf einmal sind ihr die Sneakers überhaupt nicht mehr peinlich.
Der olle Schneegeschmack im Mund verschwindet.
Soll Greta doch von ihr denken, was sie will.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagt Greta. „Jetzt bist du schon 14!“
„Ja“, sagt Lucy und fühlt sich mega-erwachsen.
„Du Glückliche, ich muss noch 3 Monate warten“, sagt Greta. Sie verzieht ihr hübsches Gesicht.
„Meine Mutter macht übrigens nie etwas selbst. Sie kauft sogar den Kuchen“, sagt sie.

Lucy staunt. So hat Greta noch nie mit ihr geredet.
Eigentlich haben sie überhaupt noch nie miteinander geredet.
Arme Greta. Gekaufter Geburtstagskuchen!
Aber das sagt Lucy natürlich nicht laut.
Sie denkt an Mamas leckeren Kuchen mit dem dicken Schokoguss.
Eigentlich hat sie ziemlich viel Glück mit Mama.

Greta guckt auf ihr Handy. „Ich muss los“, sagt sie. „Meine Oma wohnt da drüben.
Sie ist fast blind. Ich lese ihr heute aus der Zeitung vor.“
Lucy sieht in Gretas Augen.
Darin bemerkt sie einen Streifen wintergrau. Lucy kennt das.
Trotz der hippen Klamotten und den Marken-Sneakers und dem Sommer-Lachen sorgt sich Greta um ihre Oma.
So wie Lucy sich früher um Papa gesorgt hat.

„Möchtest du nachher ein Stück Kuchen“, fragt Lucy. „Wir können uns auf den Spielplatz setzen.“
Greta lächelt ihr schönes Sommer-Sonnen-Lächeln.
„Oh, sehr gerne“, sagt sie. „Um 4 Uhr?“
„4 Uhr passt super“, sagt Lucy und geht in Richtung Wohnung. Sie wird gleich ein paar Stücke Kuchen mehr einpacken.
Vielleicht trifft sie ja heute noch jemand.

Beim Gehen fühlt Lucy sich leicht wie eine Wolke.
Sie schwebt beinahe über dem Boden.
Das müssen Mamas Schuhe sein.

Seit sie die Zauberschuhe trägt, ist alles anders.
Sie denkt an Papa, ohne zu weinen.
Sie wird Mama sagen, dass sie keine Wangenküsse mehr mag. Und sie hat Greta eingeladen,
Geburtstagskuchen mit ihr zu essen.

All das ist an einem einzigen Tag passiert.
Wer weiß, was in Zukunft noch alles geschieht.
Manche Wünsche gehen nicht in Erfüllung. Andere schon.
Lucy findet das krass aufregend.

In ihrem Bauch flattert es wie Schmetterlingsflügel.
Leicht und zart und wunderschön.
Es kitzelt sogar ein bisschen.
Vielleicht ist das so, wenn man erwachsen wird, denkt Lucy.

Almut Anders lebt in Berlin und am liebsten schreibt sie. Sie arbeitet auch als Übersetzerin für Leichte und Einfache Sprache. ihre Geschichten in Einfacher Sprache sollen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringen. Sie sagt: Einfache Sprache ist schön! 2020 hat sie den 1. Preis der Kunst der Einfachheit gewonnen.

23 Personen gefällt das

10Kommentare

  • Hannah
    29.06.2022 00:15 Uhr

    Die Gefühlsuhr, die magischen Schuhe, das Wechselbad der Situationen im Leben sind in sehr anschaulicher und berührender Weise in diese Geschichte eingebunden worden. Lucy wird einem schnell sympathisch. Bravo.

  • Anke
    29.06.2022 13:30 Uhr

    Lucy's Gefühle kenne ich. Sie wächst an ihrem Mut, die "Zauberschuhe" zu tragen und kann sich an den Überraschungen des Lebens erfreuen. Weiter so! Von mir ein großes HERZ ❤

  • Andrea
    29.06.2022 14:01 Uhr

    Ich mag wie die Gefühle beschrieben sind. Eine schöne, weiche Geschichte mit Gefühlen, wie sie wohl Jede*r kennt. Danke!

  • Die Konkurrenz
    29.06.2022 17:53 Uhr

    Ich habe selbst einen Text im Wettbewerb. Aber diesen hier finde ich richtig toll! So viele Facetten, so viel Liebe! Und das schwere Thema Depression so wunderbar klug erzählt. Auch die Lucy und die ganze Last, wenn man zu schnell zu viel tragen muss. Das Ende versöhnlich und ohne Kitsch - ein richtig schöner Text, viele Dank, eins von meinen Herzchen hat er!

  • Uli
    29.06.2022 18:44 Uhr

    Eine sehr schöne Geschichte, poetisch und kraftvoll trotz der schwierigen Themen, die angerissen werden. Von mir ein Herz!

  • Gabi
    30.06.2022 06:44 Uhr

    Ich finde Lucy einfach klasse. Manchmal fühle ich mich auch wie Sommer und manchmal wie Schneematsch.

  • Oma von Rosie
    30.06.2022 17:23 Uhr

    Wow sehr schön gelesen. Es ist eine sehr schöne Geschichte hat mir sehr gut gefallen.

  • Merlins Mama
    30.06.2022 18:02 Uhr

    Einfach nur schön. 😊

  • Ilona Schulte
    30.06.2022 19:50 Uhr

    Eine sehr schöne Geschichte , mit Gefühlen die jeder wohl kennt . Mir gefällt die Gefühlsuhr , und die Zauberschuhe . Danke für diese tolle Geschichte , ich werde mal schauen ob ich auch so eine Gefühlsuhr von einen guten Freund machen lasse . ❤❤❤

  • Dietlinde
    03.07.2022 18:14 Uhr

    Ein riesiges Spektrum an Gefühlen und Entwicklungen klar und hoffnungsvoll beschrieben. Vielleicht auch für viele in diesem Alter (oder auch später?) die eine oder andere Anregung, für sich selbst etwas abzugucken.
    Eine sehr lebendige Geschichte, danke!

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