Text 4: Die Wollsocke Vorlesen

10. Jun 2022Dalja und Marie
Die Kunst der Einfachheit. Stimmt mit ab!

Die Wollsocke

Bei Oma
Das Telefon klingelt.
Meine Oma geht langsam in den Flur.
Einen Schritt nach dem anderen.
Das Gesicht verkniffen vom Schmerz.
Aber sie sagt nichts.
Sie will sich nichts anmerken lassen.

Sie beugt sich etwas vor.
Sie stützt sie sich auf dem Telefontisch ab.
Mit der anderen Hand nimmt sie das Telefon vom Ladegerät.
Jemand spricht.
Oma antwortet:
„Wir kommen sofort. Danke für den Anruf.“

Sie legt auf und kommt zurück in die Küche.
Meine Tante und ich sitzen am Frühstückstisch.
Oma sagt:
„Das war das Krankenhaus.
Wir sollen kommen.
Opa macht es nicht mehr lang.“

Meine Tante und ich stehen auf.
Wollen schnell los.
Aber Oma stellt sich in den Weg.
Sie stützt sich schwer auf den Küchentisch.
Die Küche ist so klein.
Wir kommen nicht an der dicken Oma vorbei.

„Die dicke Oma“.
So nennt sich Oma oft selbst.
Dann lacht sie laut und fröhlich.
Der große Busen wackelt.

Aber jetzt lacht Oma nicht.
Sie sagt:
„Ihr müsst erst mal frühstücken.
So könnt ihr nicht los.“

Sie meint uns.
Nicht sich selbst.
Sie selbst isst kaum etwas.
Jetzt nicht.
Und auch sonst nicht mehr.
Nur Schokolade, die muss sein.

Oma sagt:
„Auf die 5 Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an.
So viel Zeit muss sein“.
Wir essen jede unser Brötchen auf.
Denn Oma widerspricht man nicht so leicht.

Im Krankenhaus
Endlich fahren wir los.
Das Krankenhaus ist in einer anderen Stadt.
Es schneit.
Meine Tante fährt so schnell sie sich traut.
Bei dem Wetter.

Wir sind da.
Das Krankenhaus liegt vor uns.
Ein großer, grauer Klotz.
Schnell gehen wir hinein.
Oder besser:
So schnell, wie Oma kann.

Auf der Station sagt man zu Oma:
„Ihr Mann ist leider vor 10 Minuten verstorben.“

2 Jahre war ich nicht hier.
War weit weg im Ausland.
Immer zu beschäftigt mit mir selbst.
Und jetzt konnte ich mich nicht einmal mehr von Opa verabschieden.
Wegen eines Brötchens.

Ich fühle mich kurz schuldig.
Ein kurzer Stich in der Brust.
Aber jetzt ist keine Zeit zum schuldig fühlen.
Wir gehen schnell zu Opas Zimmer.

Eine Schwester sitzt neben seinem Bett.
Die Schwester sagt:
„Ich wusste nicht, ob er gläubig ist.
Deshalb habe ich ihm Weihnachtslieder vorgesungen.
Passend zur Jahreszeit.“
Ich bemerke das Liederbuch in ihrem Schoß.

Meine Tante weint.
Meine Oma nicht.
Sie redet mit der Schwester.
Hat alles im Griff.

Mein Blick fällt auf die Blume:
In Opas Händen steckt eine gelbe Gerbera.
Ich frage mich:
Ob die Schwestern die Blumen auf Vorrat lagern?

Dann denke ich:
Ich sollte jetzt an Opa denken.
Wieso denke ich überhaupt?
Sollte ich nicht fühlen?
Sollte ich nicht traurig sein?

Ich schaue in Opas Gesicht.
Ich sage:
„Er sieht gar nicht wie Opa aus.
So glatt.“
Meine Tante sagt:
„Bei der Hirn-OP haben sie alles schön straff gezogen.
Ein richtiges Lifting.
Alle Falten sind weg.
Schade drum.“
Meine Tante schluchzt auf.

Eine zweite Schwester kommt ins Zimmer.
Sie hält eine Liste in der Hand.
Sie sagt:
„Ich muss leider stören.
Ich muss aufschreiben, welche Sachen er dabei hatte.“

Meine Oma öffnet den Schrank.
„2 Schlafanzüge“, sagt sie.
Und dann:
„5 Socken.“
Wir schauen uns an.
5 Socken?
Das geht ja gar nicht auf.
Es fehlt eine Wollsocke.
Von Oma selbst gestrickt.

Oma hat eine Idee.
Sie sagt zu mir:
„Schau mal unter der Decke nach.
Vielleicht hat er die Socke noch am Fuß.“

Ich klappe die Decke zur Seite.
Da liegen seine Füße.
Klein und zart.
Ein Fuß ist nackt.
Eine Infusions-Nadel steckt in ihm.
Am anderen Fuß, die Wollsocke.
Oma hatte Recht.

Oma sagt:
„Die ist doch noch gut.
Die kann doch noch jemand auftragen“.
Und dann:
„Da, wo er jetzt hinkommt, ist es doch warm genug.
Er wird doch verbrannt.
Dabei braucht er keine warme Wollsocke.“

Wir müssen lachen.
Es fühlt sich gut an.
Das geht noch.
Trotz allem.

Oma sagt zu meiner Tante:
„Zieh Opa mal die Socke aus.“
Aber meine Tante will nicht.
„Das schaffe ich nicht“, sagt sie leise.
Auch Oma mag nicht.
Nicht mal sie.

Also ziehe ich die Socke von Opas Fuß.

Die ganze Zeit hatte ich alles wie von außen gesehen.
Opa im Bett.
Meine Oma, meine Tante und mich daneben.
Mein Kopf war voller Gedanken.
Ich hatte gedacht:
„Eigentlich sollte ich jetzt traurig sein.
Wieso fühle ich nichts?
Bin ich etwa kalt und abgestorben?

Aber jetzt ziehe ich die Socke von Opas Fuß.
Ich muss sein Bein etwas anheben.
Jetzt fühle ich:
Das ist wirklich Opa.
Er ist tot.
Für immer.
Das ist keine faltenlose Schaufensterpuppe.
Ich fange an zu weinen.

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17 Personen gefällt das

4Kommentare

  • Bettina Barz
    10.06.2022 15:17 Uhr

    Es hat mich tief berührt, ich musste weinen. ❤️

  • Anne
    11.06.2022 13:36 Uhr

    Diese Geschichte rührt das Herz an. Zwischen den Zeilen schwingen Selbstvorwürfe, verpasste Gelegenheiten, die Erkenntnis, etwas, das nie wieder kommt, verpasst zu haben. Und trotzdem geht es um Trost und Dankbarkeit. Die Gewissheit, dass doch jemand Liebes dabei war bei Opa und ihm während des Sterbens zur Seite stand. Es geht um Zuversicht durch Menschlichkeit und die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Was eine einzelne Wollsocke so alles kann!

  • Chus
    15.06.2022 19:56 Uhr

    Ich finde diese Geschiche sehr interesant. Mir gefällt wie sie erzählt wird. Es ist, als würde man einen Film deben, der erzählt wird.

  • Mo
    16.06.2022 19:22 Uhr

    Was eine Wollsocke so auslösen kann. Sehr berührend.

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