Wettbewerb: Nein Vorlesen

02. Feb 2021Birgit Körner
Die Kunst der Einfachheit, Foto: Volker Wartmann

Nein

von Birgit Körner


„Das bleibt unser kleines Geheimnis. Hast du mich verstanden?“, fragte Gerd.
Ich nickte. Dabei wollte ich nicht nicken. Ich wollte „Nein!“ sagen. Laut und deutlich „Nein!“ Aber kein Wort kam über meine Lippen. Eigentlich konnte ich gut sprechen. Papa sagte oft über mich, ich redete den lieben langen Tag. Aber jetzt kam kein Wort über meine Lippen.

Gerd rutschte weg von mir. Seine Hand war wieder bei ihm. Sie war nicht mehr an meinem Busen. Sie war nicht mehr zwischen meinen Beinen.

Ich holte tief Luft und stieg aus dem Bus. Gerd gab Gas und fuhr davon. Ich starrte dem roten Bus mit der blauen Aufschrift nach. Er verschwand um die nächste Kurve.

„Hallo mein Liebling!“ Papa begrüßte mich wie immer mit einem Kuss auf meine Haare. „Wie war es bei der Arbeit?“
Ohne zu antworten ging ich in meinem Zimmer. Wenig später klopfte es an der Tür.
„Ist alles in Ordnung?“ Das war Papa.
Ich wollte „Nein“ sagen. Laut und deutlich „Nein!“. Aber ich sagte: „Alles in Ordnung“. Papa ging wieder weg.

Am nächsten Morgen lag ich in meinem Bett. Ich dachte an die Werkstatt. Ich dachte an den Bus, der mich zur Werkstatt brachte. Ich dachte an Gerd, der den Bus fuhr. Ich dachte an Angelika. Eigentlich fuhr Angelika den Bus. Aber Angelika war krank. Schon seit drei Wochen. Ich dachte daran, dass ich mit Gerd alleine im Bus sein werde. Dann dachte ich gar nichts mehr. Mir war übel. Es klopfte.

„Aufstehen, Marla. Du bist schon spät dran. Der Bus kommt gleich.“
„Ich bin krank“, rief ich. Stimmte ja auch. Mir war wirklich übel.
Papa öffnete die Tür. „Was hast du denn, mein Liebling?“
„Mir ist schlecht.“
Papa legte die Hand auf meine Stirn. „Fieber hat du aber keins.“
„Mir ist schlecht“, sagte ich nochmal.

Papa seufzte. „Okay. Dann sage ich meine Termine für heute ab und bleibe bei dir.“
Mir wurde noch übler. Nun konnte Papa wegen mir nicht arbeiten. Papa war selbständig. Er brauchte die Termine, um Geld zu verdienen. Nun war ich diejenige, die seufzte.

„Brauchst du nicht, Papa. Es geht schon wieder.“ Ich schob die Bettdecke zur Seite und stand auf.
Papa lächelte und gab mir einen Kuss auf die Haare. „Mein tapferer Schatz.“

Ich ging ins Bad und sah mich im Spiegel an. Sah so ein tapferer Mensch aus? Meine Knie waren weich.

Und sie wurden noch weicher, als ich draußen vor unserem Haus stand. Und auf den Bus wartete. Da kam er um die Ecke, der rote Bus mit der blauen Aufschrift. Vielleicht hatte ich Glück. Vielleicht saß doch nicht Gerd am Steuer. Vielleicht war Angelika wieder gesund. Aber nein, es war Gerd. Plötzlich hatte ich eine Idee. Ich ging zur hinteren Tür und öffnete sie.

„Was machst du da?“, rief Gerd. „Setz dich neben mich. Hinten sitzen doch Susanne, Andreas und die anderen.“

Ich zog die Tür wieder zu und trotte nach vorne. Beim Einsteigen ließ ich mir viel Zeit. Vielleicht war heute alles anders. Vielleicht war das gestern gar nicht passiert. Ich setzte mich hin und gurtete mich an.

„Los geht’s“, rief Gerd. Er grinste. Wir bogen um die nächste Ecke. Dort war eine Ampel. Sie war rot und Gerd hielt an.

„Wo sind denn meine Zigaretten?“ Gerd klopfte auf die Taschen seiner Jacke. „Wahrscheinlich im Handschuhfach.“ Er beugte sich über mich. Er war ganz nah. Sein Bauch lag auf meinem Oberschenkel. Ganz nah und ganz schwer. Sein Arm war auf meinem Busen. Sein Atem streifte mein Gesicht, als er sich wieder aufrichtete.

In meinem Kopf war es wie Watte. Ich konnte nicht mehr denken. Alles in mir schrie: „Nein!“ Aber ich sagte nichts. Gerd fuhr wieder an. Ich war total erleichtert, als wir am Haus von Susanne ankamen.

In der Werkstatt war alles wie immer. Und doch war alles anders. Waren die anderen schon immer so laut? Saßen wir sonst auch immer so dicht nebeneinander auf den Pausenbänken? Ich hielt es nicht mehr aus und ging die Flure auf und ab. Vor dem schwarzen Brett blieb ich stehen. Einer der Zettel fiel mir auf. Darauf stand:

Die Frauenbeauftragte bietet an:
Nein sagen lernen - eine Schulung für alle Frauen
Am Donnerstag, 5. Mai um 9 Uhr im Schulungsraum.
Das Seminar macht die Frauenbeauftragte Silke und Klara Müller vom Verein Wildwasser.
Hast Du Interesse? Dann melde dich an. Bei deiner Frauenbeauftragten Silke.

Ich meldete mich an. 2 Tage später war die Schulung. Gerd hatte mich nicht mehr angelangt. Aber er hatte 2 Mal gesagt: „Du denkst an unser kleines Geheimnis?“ Ich hatte nichts gesagt.

In dem Schulungsraum waren 8 Frauen. Manche jung, so wie ich. Manche schon älter. Katrin war eine Frau im Rollstuhl. Helga sah schlecht.

Eine Frau mit wuscheligen Haaren betrat den Raum. „Ich bin Klara Müller von Wildwasser. Ich mache zusammen mit Silke die Schulung. Silke ist eure Frauenbeauftragte. Ihr kennt sie bestimmt.“

Wir nickten alle. Natürlich kannten wir Silke.

Wir machten viele Übungen. Wir lernten unseren Körper kennen. Ich lernte, dass es um meinen Körper eine Grenze gibt. Und ich bestimme, wer über diese Grenze darf. Ich sage „Nein“, wenn jemand über meine Grenze geht, dem ich das nicht erlaube.

„Manchmal hilft es leider nicht, wenn man ,Nein!’ sagt“, erklärte Klara. „Manchmal macht der andere weiter. Dann ist es wichtig, dass man sich Hilfe holt. Wer Hilfe braucht, kann zur Frauenbeauftragten gehen. Oder er kommt zu mir in die Beratungsstelle.“

Nach dem Tag war ich sehr zufrieden. Ich fühlte mich gut. Mein Kopf war oben. Nach Feierabend stieg ich in den Bus. Ich zog die Tür mit Schwung zu.

„Muss das sein?“, brummelte Gerd.
„Ja, das muss ein.“

Es war ein schöner, sonniger Tag. Alle waren gut gelaunt. Susanne stieg aus. Ich war nun alleine mit Gerd. Die nächste Ampel war rot. Gerd blieb stehen. „Jetzt haben wir ja ein bisschen Zeit“, sagte er. Plötzlich war seine Hand auf meinem Oberschenkel.

„Stopp!“, sagte ich so laut, dass meine Stimme in meinem Ohren dröhnte.
„Was ist denn los?“, fragte Gerd. Seine Hand lag immer noch auf meinem Bein.
„Nein!“, sagte ich so laut ich konnte. „Ich will das nicht.“
Gerd zog seine Hand weg. „Dann eben nicht!“, brummte er und fuhr los.

Ich saß neben ihn und starrte aus dem Fenster. Mein Herz klopfte ganz schnell. Meine Knie waren weich. Und ich war unheimlich stolz auf mich. Ich hatte „Nein“ gesagt. Laut und deutlich „Nein“.

Als wir zuhause ankamen, sprang ich aus dem Bus.
Papa stand an der Tür. „Hallo mein Schatz, geht es dir gut?“ Er küsste mich auf die Haare. Ich ging ins Bad und schaute mich im Spiegel an. Sah so ein mutiger Mensch aus? Ich nickte mir selbst im Spiegel zu. Ja, so sah ein mutiger Mensch aus.

Am nächsten Tag war ich doch wieder aufgeregt. Wie würde es heute mit Gerd sein? Doch Gerd kam nicht. Angelika war wieder da. Angelika war gesund und fuhr den Bus. Ich umarmte sie stürmisch.
„Na, na“, sagt Angelika. „Hast du mich so vermisst?“

Gerd sah ich nicht wieder. Zum Glück.

Eines Tages hörte ich in der Werkstatt, dass Felix, einer der Fahrer weggezogen war. Als ich abends auf den Hof trat, sah ich Gerd. Er fuhr nun die Tour von Felix. Ich sah zu, wie ein paar meiner Kollegen in seinen Bus stiegen. Vorne stieg Heide ein.

In der nächsten Nacht schlief ich ganz schlecht. Ich träumte wildes Zeug.

Am nächsten Tag in der Werkstatt dachte ich die ganze Zeit an Gerd. Ob er die Frauen anfasste? So wie bei mir? Was sollte ich machen? Mir selbst konnte ja nichts mehr passieren. Ich konnte nun „Nein“ sahen. Und Angelika war auch wieder da. Trotzdem hatte ich Angst. Angst, dass mir keiner glaubte. Angst, dass Gerd sagte: Das stimmt alles nicht.

In der Pause ging ich auf die Toilette. Ich betrachtete mich im Spiegel. Sah so ein mutiger Mensch aus? Ich fasste einen Entschluss. Im Spiegel nickte ich mir zu. Ja, so sah ein mutiger Mensch aus.

Ich ging zu Silkes Büro. Ich klopfte. Silke öffnete und lächelte mich freundlich an. „Hallo Marla, wie kann ich dir helfen?“

Ich holte tief Luft und trat ein.

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2Kommentare

  • Erika Gdynia
    03.02.2021 13:44 Uhr

    Ein schöne Mutmachgeschichte!

  • Sarah
    24.02.2021 08:00 Uhr

    Vielen Dank für den Mut diese Geschichte aufzuschreiben! Sie macht mir nicht nur Mut, sie zeigt mir was für eine Starke Frau du bist - die gelernt hat für sich und andere einzustehen.
    Ich wünsche mir, dass viele Menschen diese Geschichte lesen können und von dir lernen.
    Du hast meinen größten Respekt. Danke.

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