Anas und ich Vorlesen

03. Jan 2024Vanessa Bennighoff-Voß
Die Kunst der Einfachheit - Stimmt mit ab!, Bild: Hardy Kuttner

Ich bin wütend.
Mein Bruder Moritz ist jetzt im Kindergarten.
Ich bin deshalb zu spät.
Die Tür zum Klassenzimmer ist zu.
Wir haben jetzt Englisch.
Ich öffne die Tür.
Ich bin leise.
Ich will zu meinem Platz.
Keiner sieht mich.
Ein Junge sitzt auf meinem Platz.
Ich kenne ihn nicht.
Wer ist das?
„Anas“ sagt er.
Ananas? Das ist eine süße gelbe Frucht.
Ich mag keine Ananas.
Was macht er auf meinem Platz?
Frau Fischer schaut auf.
„Schon wieder zu spät!“, sagt sie.
Ich setze mich neben den fremden Jungen.
„So geht das nicht!“, meint Frau Fischer.
„Ich rufe deine Eltern an!“
„Du kommst immer zu spät!“
Ich sage nichts.
Frau Fischer kann meine Eltern anrufen.
Das interessiert meine Eltern nicht.

Papas Bruder ist sehr krank.
Er ist sein Zwillingsbruder:
Er ist so alt wie Papa.
Und er sieht aus wie Papa.
Onkel Kurt.
Onkel Kurt ist sehr krank.
Papa weint oft.
Er ist immer im Krankenhaus, nie zu Hause.
Mama schimpft oft.
Mama ist viel alleine.
Meine Schwester Sofia, mein Bruder Moritz und ich sind auch oft alleine.
Mama arbeitet viel.

Anas schaut mich an.
Sein Gesicht ist freundlich.
Ich schaue weg.
Auf einmal ist es laut.
Wir hören ein sehr lautes Geräusch.
Es hört nicht auf.
Ich kenne es.
Es ist der Alarm.
Der Alarm warnt vor Feuer in der Schule.
Heute gibt es kein Feuer.
Das weiß ich.
Zwei Jungen aus Klasse 9 haben das gemacht.
Sie haben das Glas kaputt gemacht.
Der Alarm geht los.
Aus Spaß haben sie das gemacht.
Ich habe sie vor dem Alarm gesehen.
Sie haben gelacht.
Das passiert manchmal.
Dann können alle aus den Klassenzimmern gehen.
Der Unterricht hört dann auf.

Es ist laut.
Ich lache.
Anas lacht nicht.
Er schaut komisch.
Er schaut ängstlich.
Er rennt weg.
Alles ist durcheinander.
Frau Fischer geht mit uns auf den Schulhof.
Dort sind alle Kinder auf dem Hof.
Es gibt kein Feuer.
Das weiß ich.

Wir gehen zurück in die Klasse.
Mein Platz ist jetzt frei.
Anas ist nicht da.
Frau Fischer schaut auf den leeren Platz.
„Wo ist Anas?“, fragt sie.
„Er ist weggerannt“, sagt Emma.
Frau Fischer nickt.
Sie sagt nichts.
"Das verstehe ich“, sagt sie dann.
Ich verstehe das nicht.
Es ist doch nichts passiert!
„Das Geräusch macht ihm Angst“, erklärt Frau Fischer.
„In seinem Land ist Krieg.“
„Das Geräusch erinnert ihn daran.“
Jetzt verstehe ich.

Es ist Pause.
„Sucht ihn bitte!“, ruft sie uns zu.
Auf dem Schulhof ist es laut.
Viele Kinder spielen mit einem Ball.
Ich gehe in den Schulgarten.
Niemand ist hier.

Hinten im Garten steht ein Schuppen -
ein kleines Haus aus Holz.
In dem Haus sind Eimer.

Auch Schaufeln sind darin.
Damit können wir den Garten schön machen.
Das Haus aus Holz ist alt.
Es ist kaputt.
Vor der Tür sind bunte Blumen.
Ich mag das alte Gartenhaus.
Ich gehe oft hierhin –
wenn ich alleine sein will.
Hinter dem Gartenhaus sind Büsche.
Ich kann unter den Büschen sitzen.
Niemand sieht mich dort.
Es ist schön.
Es ist ruhig.
Ich gehe hinter das Gartenhaus.

Da sitzt jemand!
Es ist Anas!
Er sitzt auf meinem Platz unter den Büschen!
Schon wieder!
Er sitzt schon wieder auf meinem Platz!
Jetzt lache ich.
Er schaut weg.
Ich setze mich neben ihn.
Die Büsche kratzen.
Es ist Platz für uns zwei –
hinter dem Gartenhaus,
unter den Büschen.
Wir sitzen nebeneinander.
Wir sagen nichts.

Ich habe Hunger.
Deshalb suche ich in meiner Tasche.
Es gab kein Frühstück.
Es gibt nie Frühstück im Moment.
Mama und Papa sind morgens schon weg.
Ich bringe Moritz zum Kindergarten.
Keiner hat Zeit.

Jetzt schaut Anas mich an.
„Micha“ sage ich. „Hast du auch Hunger?“
Er sagt nichts.
Ich suche weiter in meiner Tasche.
Jetzt sagt er etwas.
Ich kann ihn nicht verstehen.
Er sagt etwas in einer anderen Sprache.
Er schaut mich wieder an.
Jetzt zeigt er auf seinen Mund.
Ich nicke.
Er holt eine Dose aus seiner Tasche.
Er hält sie mir hin.
Er sagt ein schweres Wort.
Ich verstehe es nicht.
Er sagt es noch einmal.
Ich spreche es nach.
Es klingt anders.
Ich lache.
Er lacht auch.

Er gibt mir die Dose.
Er zeigt auf die Dose und meinen Mund.
Ich nicke.
Ich öffne die Dose.
Es riecht gut.
Es riecht süß.
Es sind Kekse, runde Kekse.
Auf den Keksen ist Sesam.
Ich sehe auch grüne Nüsse.
Die kenne ich.
Oma hat sie mir oft gegeben.
Das sind P-I-S-T-A-Z-I-E-N.
Die mag ich.
Anas zeigt auf die Kekse.
Dann zeigt er auf meinen Mund.
Ich esse einen Keks.
Das ist lecker.
Sie schmecken süß.
Er zeigt noch einmal auf die Dose.
Und auf meinen Mund.
Ich esse noch einen Keks.
Das schmeckt gut!
Ich zeige ihm meinen Daumen hoch und sage: „Gut!“
Er freut sich.

Es ist ruhig.
Anas sagt nichts.
Ich sage nichts.
Wir sitzen einfach nebeneinander.
Er hat dunkle Haare.
Meine Haare sind blond.
Seine Augen sind braun.
Meine Augen sind grün.
Wir sagen beide nichts.

Ich hole ein Bild aus meiner Tasche.
Ich zeige es ihm.
Das sind meine Eltern.
Da sind auch meine Schwester Hannah, mein Bruder Moritz und ich.
Wir lachen alle.
Auf dem Bild sind wir in unserem Garten.
Das Bild ist alt und kaputt.

Anas holt auch ein Bild aus seiner Tasche.
Da sehe ich eine alte Frau und einen alten Mann.
Sie sitzen in der Mitte, an einem Tisch.
Ich sehe auch viele junge Frauen und Männer.
Ich sehe auch viele Kinder.
Alle sind fröhlich.
Er hält das Bild ganz fest.
Jetzt schaut er traurig.
Er sagt etwas in seiner Sprache.
Ich verstehe die Wörter nicht.

Wir halten beide unsere Bilder fest.
Ich schaue auf mein Bild.
Dann schaue ich auf sein Bild.
Mein Zuhause war schön.
Jetzt ist es nicht mehr so.
Das Zuhause von Anas war auch schön.
Jetzt ist es nicht mehr da.

Die Pause ist zu Ende.
Wir stehen auf.
Wir gehen zur Schule zurück.
Anas bleibt stehen.
Er zeigt auf das Gartenhaus.
Er hält seinen Daumen hoch.
Er sagt: „Gut.“
Ich lache.
Er lacht auch.
„Gut“, sage ich auch.
Wir verstehen uns.
Jetzt teilen wir uns die Kekse immer.
Wir teilen uns auch den Platz,
hinter dem Gartenhaus,
unter den Büschen.

Der Literatur-Wettbewerb Die Kunst der Einfachheit 2023 geht jetzt in die letzte Runde. Eine Jury hat inzwischen 10 Texte ausgewählt. Nun lesen LEA-Leseklubs diese Texte. Sie sagen, welche Texte ihnen am besten gefallen. Sie stimmen über die Gewinner:innen des Wettbewerbs ab. Sie bestimmen die Plätze 1 und 2.

Du kannst auch abstimmen.
Wir stellen dir die 10 Texte vor. Gerade hast du einen davon gelesen. Du kannst mit abstimmen. Gefällt dir dieser Text? Dann gib dem Text ein Herz. Du kannst auch einen Kommentar schreiben. Der Text mit den meisten Herzen und Kommentaren bekommt den Publikumspreis.

109 Personen gefällt das

32Kommentare

  • Claudia
    03.01.2024 09:07 Uhr

    ❤️

  • Nina Rezai
    03.01.2024 09:20 Uhr

    „Einfach“ wunderbar ☺️

  • Katharina Wagenzik
    03.01.2024 09:54 Uhr

    ❤️

  • Schramme
    03.01.2024 10:15 Uhr

    Sehr schön geschrieben

  • Kaup, Franz
    03.01.2024 10:16 Uhr

  • Voß
    03.01.2024 10:27 Uhr

    Mir gefällt die Geschichte, weil sie das, was Menschen verbindet, anschaulich und verständlich macht.

  • Urban-Purwin
    03.01.2024 10:55 Uhr

    ❤️

  • Nadine Tobegen
    03.01.2024 11:47 Uhr

    Sehr schön und verständlich geschrieben.

  • Finn-Luca Benninghoff
    03.01.2024 11:48 Uhr

    Ich finde den Text sehr gelungen und die Geschichte sehr schön mit einfachen Worten erläutert

  • Katrin Benninghoff
    03.01.2024 11:55 Uhr

    ❤️

  • Volker
    03.01.2024 12:20 Uhr

    ❤️

  • Elke Paulke
    03.01.2024 12:53 Uhr

    Sehr berührend, gerade wegen dieser einfachen Sprache.

  • Ursula Gerigk
    03.01.2024 13:28 Uhr

    ❤️
    Der Text ist in seiner Schlichtheit sehr berührend und aussagekräftig! Er gefällt mir sehr gut!

  • Bianca Erdmann-Reusch
    03.01.2024 15:35 Uhr

    Super!

  • Jan
    03.01.2024 16:42 Uhr

    ❤️

  • Jürgen Jostmeier
    03.01.2024 17:23 Uhr

    ❤️

  • Derk
    03.01.2024 17:54 Uhr

    Gefällt mir gut ❤️

  • Jennifer Geschke
    03.01.2024 21:40 Uhr

    Sehr herzergreifend und rührend.

  • Finn-Luca Benninghoff
    03.01.2024 21:53 Uhr

    Die Geschichte des Textes wurde sehr gut in einfachen Worten erläutert

  • Jan-Linus Benninghoff
    03.01.2024 21:53 Uhr

    Das ist der beste Text den ich gelesen habe

  • Ingrid
    03.01.2024 22:20 Uhr

    Eine sehr schön geschriebene und thematisch hoch aktuell geschriebene Geschichte! Gut in der Schule einsetzbar!

  • Maxie Karius
    04.01.2024 10:09 Uhr

    Schön! Einfühlsam!

  • Kathrin Schürmann
    04.01.2024 13:01 Uhr

    ❤️

  • Stefan
    04.01.2024 14:12 Uhr

    ❤️

  • Leni
    04.01.2024 14:37 Uhr

    ❤️

  • Sabrina Schmitz
    04.01.2024 14:38 Uhr

    ❤️

  • Franziskus Schürmann
    04.01.2024 14:43 Uhr

    👍❤️

  • Rouven
    04.01.2024 17:55 Uhr

    ♥️

  • Daniela
    07.01.2024 10:53 Uhr

    ♥️

  • Änne
    07.01.2024 16:47 Uhr

    ❤️

  • Juliane
    08.01.2024 18:49 Uhr

    ❤️

  • Tanja Scharsich
    28.01.2024 21:48 Uhr

    ❤️

Ihr Kommentar
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten