Die Brieftasche - Teil 1 Vorlesen

01. Apr 2022Diane Henschel
Eine rote Brieftasche liegt auf dem Boden. Davor ist ein weggehendes Bein.

Teil 1

Meike Sonnenberg erzählt:

Verloren

Verschwunden. Sie ist wirklich verschwunden.
Meine Brief·tasche mit Foto, Geld und allem Drum und Dran.
Ich stopfe immer alles hinein.
Das habe ich jetzt davon.
Alles weg.
Personal·ausweis und Bank·karte waren auch drin.
Ich habe sofort bei meiner Bank angerufen.
Die haben die Karte gesperrt.
Jetzt kann niemand mit meiner Karte bezahlen.
Aber den Personal·ausweis muss ich neu beantragen.
Nervig.

Ob ich noch mal losgehe und suche?
Aber ich war schon überall:
im Büro, auf dem Wochen·markt, im Park.
Nichts.
Sogar auf dem Fund·büro war ich schon.
„Zu früh, Sie kommen viel zu früh“, hat die Frau dort gesagt.
Ich soll es Montag probieren.
Ob denn viel Geld drin war, hat sie gefragt.
„Nicht viel, vielleicht 100 Euro“, habe ich gesagt.
Trotzdem ist mir zum Heulen.

Ich muss die ganze Zeit an das Foto in meiner Brief·tasche denken.
Jetzt sitze ich zu Hause in der Küche.
Vor mir auf dem Tisch steht der Korb mit dem Einkauf.
Es riecht nach Minze und Kirschen.
Es riecht nach Sommer.
Jetzt fließen die Tränen.

Auch auf dem Foto war Sommer.
Ein leuchtender Sommer vor acht Jahren.
Drei lachende Menschen in einer Foto∙kabine.
Mit Sand im Haar und völlig verschwitzt.

So viele Jahre war das Foto weg.
Ich hatte es ganz vergessen.
Bis letzte Woche.
Meine Kollegin hatte sich mit Corona angesteckt.
Darum musste ich mich testen lassen und zu Hause bleiben.
Ich durfte nicht raus.
Ich durfte niemanden treffen.

Aus Lange·weile habe ich stunden·lang geputzt:
alle Schränke von außen und von innen.
Da habe ich das Foto wieder·entdeckt.
Es lag in einem alten Tage·buch von mir.

Das Foto haben wir 2012 aufgenommen.
Ich weiß es noch genau.
Jana, Heiner und ich.
Sommer·ferien an der Ostsee.
Jana mit ihrem wilden Blick.
Heiner, einen Kopf größer als wir beiden Mädels.
Und ich, die Augen hinter einer riesigen Sonnen·brille versteckt.

Meine Güte, war ich verliebt damals.
Heiner hat es sofort gemerkt.
Viel früher als ich.
Der war so.
Der hat genau geschaut und zugehört.
Der sanfte, schlaksige Heiner.
„Sag es ihr“, hat er damals gedrängt.
Aber ich habe mich nicht getraut.

Das Foto ist das einzige Bild, das ich von Jana habe.
Und hinten auf dem Bild steht ihre Telefon·nummer.
Ob die noch stimmt?

Ich bin seitdem nie mehr am Meer gewesen.
Der Unfall hat alles verändert.
Ein Lkw-Fahrer hat meinen Bruder beim Abbiegen übersehen.
Heiner war sofort tot.
Ein Jahr nach der Beerdigung bin ich von zu Hause ausgezogen.

Jana habe ich nie wieder·gesehen.
Und jetzt ist auch das Foto weg.
Das Foto von einem genialen Sommer,
als meine Welt noch in Ordnung war.

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