Anna und das Auge des Tigers Vorlesen

20. Aug 2021Luisa Paulig
Wald, Bild von Jerzy Górecki auf Pixabay

Ich will euch eine Geschichte erzählen. Anna war 16 Jahre alt und sehr hübsch mit langen blonden Haaren und blauen Augen. Anna wohnte in einem kleinen Dorf in den Bergen.

Teil 1

Einmal kletterte Anna in den Bergen und fiel in eine Höhle. Als sie wieder zu sich kam, war es erst einmal stockdunkel. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Tastend machte sie sich auf die Suche nach einem Ausgang, aber sie fand keinen und dann fiel sie auch noch hin. Dabei verstauchte sie sich den Fuß, also blieb sie einfach sitzen und fing an zu weinen. 

„Warum weinst du?“, fragte jemand.
„Weil ich mir den Fuß verletzt habe. Und verlaufen habe ich mich auch.“, sagte Anna schluchzend.
„Aber deshalb musst du doch nicht weinen. Ich kann dir helfen!“.
Anna war sich unsicher, aber ohne Hilfe kam sie hier nicht weg.

„Wer bist du?“, fragte sie.
„Mein Name ist Leon“, sagte die Stimme.
„Zeige dich!“ verlangte sie.
Leon zögerte noch einen Moment bevor er wieder sprach: „Wenn ich mich zeige, dann wirst du Angst haben.“
„Warum sollte ich Angst haben?“, fragte sie.
„Na ja, es ist so, ich zeige mich nicht gerne, weil viele Menschen Angst vor mir haben.“
Anna fragte: „Und wie willst du mir dann helfen?“
„Das ist kein Problem.“ Doch dann schien er sich umzuentscheiden und er trat aus dem Schatten.

Anna dachte: „Nur schnell weg!“, aber sie kam nicht weit. Eigentlich schaffte sie es noch nicht einmal aufzustehen.
Leon sagte: „Hab' keine Angst, ich werde dir nichts tun.“
„Du bist ein weißer Tiger!“, stieß sie überrascht aus und versuchte noch weiter zurückzuweichen.
Doch er sprach: „Habe bitte keine Angst vor mir.“
Und als sie genauer hinschaute, sah sie kein wildes Tier mehr, sondern eher so was wie ein Freund. „Ok“, sagte sie.

„Komm her, ich helfe dir!“ Anna war erst unsicher, aber dann wurde ihr klar, dass sie ohne Hilfe hier nicht weg kam. Selbst wenn sie laufen könnte, hätte sie sich komplett verirrt. Ihr Handy hatte keinen Empfang, es blieb ihr keine andere Wahl, als Leon dem Tiger zu vertrauen. 

Leon legte sich vor sie hin und sagte: „Komm, steig auf! Ich helfe dir, halte dich an meinen Schwanz fest!“
Es war trotzdem schwer, aber irgendwann saß sie auf seinem Rücken und er stützte sie mit seinem Schwanz ab, damit sie nicht runter rutschte. Er lief schnell und sicher und nach kurzer Zeit erreichten sie den Höhlenausgang. Vorsichtig rutschte sie von seinem Rücken und bedankte sich, indem sie kurz ihre Nase in sein Fell drückte.
Er sagte: „Wenn du mal wieder meine Hilfe brauchst, dann pfeife hiermit.“ Er gab ihr eine Kette mit einem komisch aussehenden Anhänger.
„Okay, mach ich“, sagte sie achselzuckend.

Dann kramte Anna ihr Handy hervor und rief ihre Eltern an. Sie mussten sie schließlich abholen. Währenddessen drehte sich der Tiger um und verschwand wieder in der Höhle, gefolgt von einem Mädchen, das wirklich sehr schön aussah. Aber Anna bemerkte sie nicht. 

Das Mädchen bemerkte Anna sofort. Es hatte ein stilles Lächeln um ihren Mund. Aber es war kein warmes, freundliches Lächeln, eher kalt und irgendwie gemein. Dann kamen auch Annas Eltern um sie abzuholen. Ihr Vater nahm sie auf den Arm und trug sie zum Auto. Anna sah sich noch mal um und erstarrte. Dort wo der Tiger war, stand ein Junge oder junger Mann, wie auch immer. Anna starrte ihn an. So lange, bis ihr Vater den Parkplatz erreicht hatte und sie ihn nicht mehr sehen konnte.

Zu Hause war sie immer noch vollkommen verwirrt. Dieser Tiger war kein Tiger, was war er dann, sie wusste es nicht. Er war nicht gefährlich, da war sie sich sicher. Während sie sein Geschenk drehte und wendete und darüber nachdachte, was da heute passiert war, bemerkte Anna nicht, dass jemand draußen vor dem Fenster stand und ziemlich böse zu ihr reinschaute. Es war das Mädchen von vorhin, das zugesehen hatte, wie der Tiger Anna das Geschenk gab und aus ihren Augen sprach blanke Wut. 

„Na warte, du wirst dir noch wünschen, du wärst ihm niemals begegnet. Dafür werde ich sorgen! Aber Rache soll man am besten kalt genießen“, dachte das Mädchen. Am nächsten Tag klingelte es bei Anna zu Hause und vor der Tür stand das Mädchen. Sie war sehr schön mit langem Haar und grünen Augen.
„Hi!“, sagte sie, „ich bin Ellis, und du musst Anna sein.“
„Ja bin ich.“, sagte Anna.

Ellis fragte: „Wollen wir spazieren gehen?“
Anna rief: „Mama, Papa, ich gehe mal eine Runde spazieren.“
„Okay“, kam es von ihren Eltern.
„Komm“, sagte Ellis und grinste, aber das konnte Anna nicht sehen.
Eine Weile liefen sie nur nebeneinander her, bis Ellis das Schweigen brach, indem sie fragte: „Hast du eigentlich einen Freund?“
„Naja nicht so richtig“, antwortete Anna.
„Wie meinst du das?“, entgegnete Ellis.
„Also, es gibt schon einen Jungen der mich interessiert, aber das verrückte ist, dass ich ihn nur einmal gesehen habe und ich kenne nur seinen Namen. Sein Name ist Leon.“
„So so“, sagte Ellis, „und du bist sicher, dass er keine Freundin hat?“ „Nein, natürlich nicht.“ sagte Anna.
Ellis lächelte und dann stolperte Anna und fiel dabei in einen nicht abgedeckten Gulli.
Ellis schrie von oben: „Oh Gott, Anna! Warte, ich hole Hilfe!“ und verschwand.

Anna war allein. Doch dann fiel ihr das Geschenk wieder ein. Sie zog es aus der Tasche und pustete kräftig in den Anhänger rein. Anna wunderte sich, dass kein Ton heraus kam. Es dauerte nicht lange, dann stand der Tiger oberhalb des Loches und schaute zu ihr hinunter. Dann lies er seinen Schwanz zu ihr runter. Sie lies sich hochziehen und vergrub ihre Nase in seinem Fell. 

„Danke!“, sagte sie.
Im selben Moment kam Ellis wieder mit einem Seil in der Hand. Als Ellis den Tiger sah, blieb sie abrupt stehen und sagte: „Na, das Seil brauchen wir ja jetzt nicht mehr.“ Sie ließ das Seil fallen. Sie musste erst einmal schlucken, als sie die beiden zusammen sah. Dann strahlte sie und trat auf die beiden zu und sagte: „Wollen wir nicht zu mir und erst mal ein Kaffee trinken?“
Anna sagte: „Ja, sehr gerne!“
Also machten sie sich auf den Weg, Anna. Ellis und Leon, der sich gerade zurück in einen Menschen verwandelt hatte.

Bei Ellis zu Hause setzten sich Anna und Leon auf ihre Couch. Dann lächelte Ellis traurig und küsste erst Leon und dann Anna. Sobald ihre Lippen die beiden berührt hatten, brach sie zusammen.
„Du hast mir keine Wahl gelassen. Es tut mir leid“, sagte Ellis und stand auf. Während sie auf die Straße trat, brannte hinter ihr die Wohnung. Es würde keine Leichen geben. Nur sie könnte Leon zurückholen, aber würde sie das jemals tun?

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