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Tom am Meer Vorlesen

19. Jun 2020Nelly Neukirchen
Wellen, Bild von Dimitris Vetsikas auf Pixabay

Tom am Meer

von Nelly Neukirchen

Tom schaut auf das Meer.
Warst Du schon mal am Meer?
Eigentlich ist das Meer wunderschön.
Es ist immer anders.
Es ist eine riesengroße Fläche.
Mal ist die Fläche ganz glatt.
Mal ist die Fläche wild.
Dann brausen die Wellen an den Strand.
Eine nach der anderen überschlägt sich.
Ohne Pause.

Das Meer macht nie Pause.
Viele Menschen lieben das Meer.
Tom nicht.
Tom mag das Meer nicht.
Er mag nicht, dass es immer anders ist.
Er mag nicht, dass es nie Pause macht.
Er mag nicht, dass darin so viele Geheimnisse sind.

Unter der Ober-Fläche des Meeres ist viel Leben.
Fische gibt es und Muscheln.
Algen leben dort und See-Sterne.
Ganz unten in der tiefsten See gibt es Wunder, sagt Justus.
Justus leitet Toms Reise-Gruppe.
Justus sagt, in der Tief-See gibt es Tiere, die noch nie ein Mensch gesehen hat.
Dort gibt es Krebse, die durchsichtig sind.
Dort gibt es Fische, die locken ihre Beute mit kleinen Laternen an.
Es ist eine geheime Welt.

Daran denkt Tom.
Während er im warmem Sand sitzt.
Und auf’s Meer schaut.
Es sind Ferien.
Zwei Wochen verbringt Tom auf der Insel.
Er ist hier mit der Gruppe aus seinem Wohn-Heim.

Er wollte nicht mitfahren.
Weil er das Meer nicht mag.
Und weil er nicht ohne Moni fahren wollte.
Moni ist Toms Freundin.
Aber seine Eltern fanden die Idee mit der Reise gut.
Also ist Tom gefahren.
Moni musste zu Hause bleiben.

Und jetzt ist Tom hier.
Im Sand.
Und schwitzt.
Der Himmel ist sehr blau.
Zum Glück hat Tom sein Handy.
Damit kann er Moni Whats-Apps schicken.

Er kann nicht gut schreiben.
Aber er kann Fotos schicken.
Von sich: Selfies.
Und vom Meer.
Und von seiner Gruppe.
Er hält das Handy vor sich.
Und macht ein Foto von sich im Sand.
Er lächelt für Moni.

Aber eigentlich ist ihm nicht nach Lächeln zumute.
Er fühlt sich allein.
Die Gruppe ist im Schwimm-Bad.
Justus hat gesagt, Tom kann zum Strand gehen.
Und dass er gleich dazu kommt.
Tom wartet auf Justus.

Er schickt Moni das Foto.
Dann schaut er wieder zum Meer.
Da vorne zappelt etwas.
Ganz nah am Wasser.
Tom will wissen, was da zappelt.
Er steht auf.
Er geht in Richtung Wasser.
Durch den weichen Sand.
Der Wind zerzaust ihm die Haare.
Sein Handy macht ping.
Die Antwort von Moni.

Aber Tom muss erst mal schauen, was da vorne ist.
Als er näher kommt, sieht er es:
Es ist ein Vogel.
Eine Möwe.
Sie ist nicht weiß wie die anderen Möwen.
Sondern braun gemustert.
„Die Möwe ist noch jung“, sagt Justus hinter ihm,
„Das sieht man an den Federn.“

Tom hat ihn gar nicht kommen sehen.
„Wieso fliegt sie nicht weg?“, fragt Tom.
„Ich glaube, sie kann nicht.
Sie hat sich den Flügel gebrochen“, sagt Justus.
Tom tut die Möwe leid.
Er findet sie sehr schön.
Sie erinnert ihn an Moni.
Sie zappelt manchmal auch.
Wie die Möwe.

„Ich will der Möwe helfen“, sagt Tom.
„Hm“, Justus überlegt.
„Vielleicht gibt es hier eine Vogel-Warte.“
„Was ist das?“, fragt Tom.
„Dort beobachten sie Vögel.
Sie zählen, wie viele Vögel auf die Insel kommen.
Sie schauen, wie viele Vögel Eier legen.
Und sie kümmern sich um verletzte Vögel“, antwortet Justus.
Tom schaut auf die zappelnde Möwe.
Er macht ein Foto für Moni.

„Dann bringen wir die Möwe da hin“, beschließt Tom.
Justus überlegt.
Er schaut auf’s Meer.
Wolken jagen am Himmel.
Es ist jetzt kühl.
Das Wetter ändert sich schnell am Meer.
„Bitte!“, sagt Tom.
Justus seufzt.
„OK“, sagt er schließlich.
Vorsichtig packen sie die Möwe in Toms Pullover.

Tom trägt sie über den Strand.
Sie kann nicht mehr zappeln.
Sie macht sich klein.
Tom hält sie sehr vorsichtig.
Die Möwe schaut ihn aus dunklen Augen an.
Drum herum sind gelbe Ränder.

Tom und Justus fahren mit dem Auto zur Vogel-Warte.
Tom streichelt der Möwe den Kopf.
Die Möwe macht die Augen zu.
Tom wünscht sich, er könnte Moni die Möwe zeigen.

In der Vogelwarte sind sie sehr nett.
„Gut, dass sie uns die Möwe bringen“,
sagt ein Mann mit Bart und blauer Mütze.
„Sie wird wieder gesund.“

Tom und Justus fahren zurück zum Hotel.
Tom vermisst die Möwe.
Jetzt muss er zwei vermissen: Moni und die Möwe.
Er setzt sich wieder an den Strand.
Sein Pullover riecht nach Möwe.
Er schaut den anderen Möwen beim Fliegen zu.

Er denkt an die Wunder im Meer.
An schimmernde Muscheln.
An gepunktete Fische.
An leuchtenden Quallen.
Er schickt einen traurigen Smiley an Moni.

Jeden Tag fragt Tom Justus nach der Möwe.
Schließlich fährt Justus mit Tom wieder zur  Vogel-Warte.
Tom will die Möwe besuchen.
In Gedanken hat er sie Gelb-Auge genannt.
Er will sehen, wie es ihr geht.
Aber die Möwe ist nicht mehr da.
Tom heult Rotz und Wasser.

„Das tut mir so leid“, sagt der Mann mit der blauen Mütze.
Er krault seinen Bart.
„Wir haben die Möwe fliegen lassen.
Heute Morgen.
Sie war wieder ganz gesund.“

„Aber ich wollte dabei sein!“, schreit Tom.
Er will etwas kaputt machen.
Er will den Mann mit der blauen Mütze schlagen.
Statt dessen tritt er gegen die Tür.
Ihm tut der Fuß weh.
Egal.

Immer weiter tritt Tom gegen die Tür.
Und heult.
Er konnte sich nicht von der Möwe verabschieden.
Nicht winken.
Er konnte ihr nicht einen guten Flug wünschen.
Er konnte kein Foto mehr für Moni machen.
Er konnte nicht sehen, wie die Möwe fliegt.

Tom hasst den Urlaub.
Er hasst die Insel.
Er hasst das Meer.
Er hasst den Mann mit der blauen Mütze.
Er hasst Justus.
Der steht neben ihm.
Und redet auf ihn ein.
Aber Tom hört Justus nicht.
Er hört nur sein Herz pochen.
Und er hört seinen Fuß gegen die Tür treten.
Er tritt.
Er schreit: „Ich wollte dabei sein!“
Und er heult.

Irgendwann ist Tom erschöpft.
Er lässt sich von Justus ins Hotel bringen.
Dort legt er sich ins Bett.
Er will nichts essen.
Er will mit niemandem reden.
Er wünscht sich, Moni wäre hier.
Er vermisst ihre Haut.

Und ihren Mund.
Er schickt eine Sprach-Nachricht an Moni:
„Ich hasse alle. Nur Dich nicht.“
Sofort kommt eine Sprach-Nachricht von Moni zurück.
„Was ist los?
Ist was mit der Möwe?
Ich hab Dich lieb!“

Aber Tom ist zu müde.
Und zu traurig.
Er schafft es nicht zu antworten.
Er denkt an Gelb-Auge.
Ob es ihr gut geht?

Irgendwann später geht Tom wieder zum Strand.
Er mag das Meer immer noch nicht.
Aber er mag den Wind.
Der pustet ihm um die Ohren.
Und kühlt sein heißes Gesicht.
Es ist kalt.
Deswegen ist fast niemand am Strand.
Tom lässt sich in den Sand fallen.

Weiter vorne fliegen ein paar Möwen.
Sie schreien ihr Möwen-Geschrei.
Ganz schwach fühlt Tom sich.
Wütend und traurig zugleich.
Er seufzt.
Sein Handy macht ping.
Eine Whats-App von Moni:
„Tom?“ und ein Herz dazu.
Tom seufzt.

Plötzlich hört er einen Möwen-Schrei dicht neben sich.
Er dreht sich nach rechts.
Eine Möwe steht dort.
Sie legt den Kopf schief.
Sie schaut ihn an.
Sie ist braun gemustert.
Und sie hat gelbe Ränder um die Augen.
„Gelbauge!“, ruft Tom.

Die Möwe hüpft ein Stück hoch.
Dann landet sie wieder.
Vor Tom.
Und schaut ihn wieder an.
Ganz vorsichtig macht Tom ein Foto von Gelb-Auge.
Dann kramt er vorsichtig nach einem Keks.
Den hat er noch in seiner Jacken-Tasche.
Er bricht ein Stück ab.
Und hält ihn Gelb-Auge hin.
Vorsichtig kommt die Möwe näher.
Und pickt ihm das Stück Keks aus der Hand.

Tom muss lachen.
Er ist glücklich.
Gelb-Auge fliegt hoch.
Sie stößt einen langen, lauten Schrei aus.
Sie lässt sich vom Wind hochtragen.
Sie fliegt einen Kreis um Tom.
Der winkt.
Und lacht.
Er ruft: „Mach’s gut, Gelb-Auge!“
Die Möwe schreit noch einmal.
Dann fliegt sie in Richtung Meer.
Zu den anderen Möwen.

Tom winkt immer noch.
Eine Träne läuft ihm die Wange runter.
Aber jetzt ist es keine Wut-Träne.
Sondern eine Glücks-Träne.
Er winkt, bis er Gelb-Auge nicht mehr sehen kann.

Er atmet tief den Salz-Geruch ein.
Er schaut vor sich auf den Sand.
Dort sieht er eine Feder.
Eine sehr schöne Möwen-Feder.
Mit braunem Muster.
ein Geschenk von Gelb-Auge.
Für ihn.

Vorsichtig nimmt er die Feder in die Hand.
Sie ist ganz weich.
Und so schön.
Tom wird sie Moni mitbringen.
Vielleicht wachsen ihr dann Flügel.

Tom schaut wieder auf das Meer.
Der Wind pustet.
Die Wellen sind hoch.
Alles rauscht.
Fast wie Musik.
Ein Meer voller Wunder.
Nächstes Jahr will er Moni das Meer zeigen. 

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