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Einfache Sprache Vorlesen

25. Sep 2020Inga Schiffler
Inga Schiffler, Foto privat

Inga Schiffler

Ich übersetze und dolmetsche in Leichte Sprache und in Einfache Sprache.
Übersetzen heißt:
Ich mache schwere Texte leichter.
Dolmetschen heißt: Jemand spricht.
Und ich erzähle das Gleiche in Einfacher oder Leichter Sprache.

Oft sage ich auch:
Ich bin Expertin für barrierearme Sprache.

1. Was ist eine Expertin für barrierefreie Sprache? Was ist dort Ihre Arbeit?
Ich meine damit:
Ich kenne mich gut aus mit Einfacher Sprache und mit Leichter Sprache.

Das Wort barrierefrei meint: Es gibt keine Hindernisse.
Eine barrierefreie Sprache meint also: Die Sprache ist für niemanden ein Hindernis.
Alle verstehen alles.
Ich glaube aber: Das geht gar nicht.

Einfache Sprache verstehen vielleicht mehr Menschen als schwere Sprache.
Aber auch Einfache Sprache ist manchmal zu schwer.
Deshalb sage ich:
Ich bin eine Expertin für barriere-arme Sprache.
Barriere-arm meint: Die Sprache hat weniger Barrieren.

2. Wenn Sie bestimmen dürfen:
Welches Buch soll es in Einfacher Sprache geben?
Worum geht es da?
Und warum soll es jeder lesen?

Das Buch heißt Der Gesang der Flusskrebse.
Delia Owens hat es geschrieben.
Das Buch ist wahnsinnig schön.
Ich konnte nicht aufhören zu lesen.
So spannend war es.
An manchen Stellen musste ich weinen.

Schon beim Lesen habe ich gedacht:
Das Buch sollte es in Einfacher Sprache geben.
Leider ist das Buch sehr dick.
Das Übersetzen schaffe ich nicht so nebenher.

3. Was finden Sie gut an Einfacher Sprache?

Man kann sich nicht hinter schlauen Worten verstecken.
Einfache Sprache ist mehr als kurze Sätze und einfache Wörter.
Einfache Sprache heißt auch: Klar sagen, was man meint.
Das mag ich.

4. Was geht nicht so gut mit Einfacher Sprache?

In der Einfachen Sprache erkläre ich mehr Dinge.
Das macht meine Texte länger.
Aber lange Texte sind schwerer zu lesen.
Deshalb kann ich nur das Wichtigste sagen.
Das ist dann oft nicht so genau.

Zum Beispiel:
In der Rechtssprache gibt es viele Fachwörter.
In der Einfachen Sprache muss ich die Fachwörter erklären.
Dafür wähle ich oft Beispiele.
Das Problem ist: Die Fachwörter der Rechtssprache sollen für ganz viele Situationen passen.
Mein Beispiel in Einfacher Sprache passt aber nur für eine Situation.
Ich kann aber nicht Beispiele für alle Situationen geben.
Das ist dann wieder zu lang.
Deshalb ist meine Erklärung in Einfacher Sprache für einen Rechtsexperten zu wenig genau.

5. Können Sie selber Einfache Sprache schreiben?
Und sprechen? Gibt es da einen Unterschied?

Ja, ich kann in Einfacher Sprache schreiben.
Und ich kann einfach sprechen.

Vieles ist beim Schreiben anders als beim Sprechen:
Beim Schreiben kann ich in Ruhe nachdenken.
Ich kann einen Text ganz oft verändern.
Bis ich denke: Jetzt ist er gut.

Beim Sprechen habe ich weniger Zeit.
Oft sage ich etwas und merke dann:
Das war nicht einfach.
Das Gute ist: Ich kann es einfach nochmal versuchen.
Beim 2. Mal ist es dann klarer.

Das Sprechen hat noch mehr Vorteile:
Ich kann Dinge wiederholen.
Ich kann auch Gefühle besser ausdrücken.
Ich kann zum Beispiel mit trauriger Stimme sprechen.
Dann versteht man sofort: Es ist traurig.
Auch, wenn man die Worte vielleicht nicht genau versteht.
Das kann ich beim Schreiben nicht.

 6. Viele Menschen finden Lesen schwer.
Warum sollen sie trotzdem Geschichten und Bücher lesen?
Was ist so wichtig am Lesen?

Geschichten bringen mich an ferne Orte oder in andere Zeiten.
Ich lerne Menschen kennen, die ganz anders denken als ich selbst.
Das passiert auch manchmal bei Filmen.
Aber beim Lesen ist es stärker.
Vielleicht, weil ich mir selbst die Dinge vorstelle.

Ein Film dauert ein paar Stunden. Dann ist er vorbei.
Für ein Buch brauche ich viel länger.
Dadurch bin ich viel länger in der Geschichte.

Bei einem guten Buch will ich wissen:
Wie geht die Geschichte bloß weiter?
Ich kann den Schluss kaum erwarten.
Doch wenn das Buch dann endet, bin ich traurig.
Ich habe die Menschen im Buch lieb gewonnen.

Lesen ist ein bisschen wie Sport:
Es ist anstrengend. Aber es macht glücklich.

7. Wissen Sie noch, als Sie selber nicht gut lesen konnten?
Was war schwer für Sie? Und was hat Ihnen geholfen?

Nein, das ist zu lange her.
Aber ich weiß noch:
Alle paar Wochen kam der Bücher-Bus in mein Dorf.
Das ist eine Bücherei in einem Bus.

Der Bus fährt von Dorf zu Dorf.
Ich habe immer sehr viele Bücher ausgeliehen.
So viele, wie ich tragen konnte.

Was mir beim Lesen lernen geholfen hat?
Ich habe immer nur gelesen, worauf ich Lust hatte.
Ohne Zwang.

8. Können Sie eine andere Sprache sprechen und lesen?
Wie ist es da, wenn Sie schwere Texte lesen sollen?
Wie ist es, wenn Sie sich mit jemand in der Fremdsprache unterhalten müssen?

Ich habe viele Jahre in Spanien gelebt.
Mein Mann ist Spanier und wir sprechen zu Hause Spanisch.
Am Anfang konnte ich überhaupt kein Spanisch.
Ich habe es erst mit der Zeit gelernt.

Da war das Lesen anstrengend.
Ich habe nicht gerne gelesen.
Ständig musste ich Wörter in einem Wörterbuch nachschauen.
Das hat mich genervt.

Auch das Sprechen war anstrengend.
In meinem Kopf waren viele Gedanken.
Aber sie waren eingesperrt:
Ich fand keine Worte für meine Gedanken.

Und ich verstand die anderen Menschen nur schlecht.
Wenn Sie etwas von mir wollten oder zum Beispiel einen Witz erzählten.
Ich habe mich oft sehr blöd gefühlt.

9. Ist Einfache Sprache auch wie eine fremde Sprache lernen?
Oder leichter? Oder sogar schwerer? Erzählen Sie mal.

Einfache Sprache ist ganz anders.
Einfache Sprache ist keine Sprache wie Englisch oder Spanisch. Einfache Sprache heißt eher:
Ich denke mich in andere hinein.
Ich erkläre Dinge so, wie sie der Leser oder die Zuhörerin versteht.
Für manche Menschen ist das einfach. Für andere sehr schwer.

Was ist einfacher? Einfache Sprache oder eine fremde Sprache lernen?

Das kann ich nicht sagen.
Manche Dinge helfen bei der Einfachen Sprache:
Eine gute Menschenkenntnis. Geduld. Und Übung im Erklären.

10. Bitte erzählen Sie aus Ihrer Arbeit mit Einfacher und Leichter Sprache.
Warum ist Einfache und Leichte Sprache wichtig für Sie geworden? Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit verändern?

Oft haben Menschen mit und ohne Behinderung wenig miteinander zu tun.
Das möchte ich ändern.
Erst war ich Gebärden·sprach-Dolmetscherin.

Das heißt:
Ein hörender Mensch sagt etwas in Worten.
Ich wiederhole das gleiche in Gebärdensprache.
Gebärdensprache ist die Sprache tauber Menschen.
Oder: Ein tauber Mensch gebärdet etwas. Ich sage das gleiche nochmal in Worten.

Manchmal hat das sehr gut geklappt.
Dann haben die Menschen vergessen, dass ich da war.
Dann war ich glücklich.

Heute dolmetsche ich in Leichte oder Einfache Sprache.
Dabei habe ich das gleiche Ziel:
Menschen sollen sich unterhalten. Ohne Hindernisse.
Ein Mensch spricht schwere Sprache.
Ein anderer braucht Leichte Sprache.
Ich wiederhole für ihn alles in Leichter Sprache.
Die beiden kommen ins Gespräch.
Sie tauschen sich aus.

Ich möchte also Menschen zusammen·bringen.
Gespräche auf Augenhöhe möglich machen.

Dann mache ich ja noch Texte.
Ich schreibe also Dinge auf.
Meistens informieren die Texte über irgendetwas.
Zum Beispiel über neue Corona-Regeln.
Oder über eine Ausstellung in einem Museum.

Manchmal sollen die Texte einfach nur unterhalten.
Solche Texte möchte ich mehr machen.
Wir haben zum Beispiel ein Video über Eisbären-Babys übersetzt.
Besonders das Prüfen hat Spaß gemacht.
Die Prüfer Nadine und Rudi Schneider sind richtige Eisbären-Fans.

Das Video war ein Test für das ZDF.
Wenn alles klappt, dürfen wir bald noch mehr Videos übersetzen.
Drück uns die Daumen!

11. Hier steht keine Frage. Hier sollen Sie einfach erzählen: Was Sie sonst noch wichtig finden. Es darf auch etwas Lustiges sein! Oder etwas, das Sie sich wünschen. Es soll natürlich mit Sprache zu tun haben!

Jeder Mensch hat ein Recht zu verstehen.
Aber zu viele wissen das noch gar nicht.
Viele Menschen wissen auch nicht, dass es leichte Texte gibt.
Auch Menschen, die Leichte oder Einfache Sprache brauchen.
Viele Texte in Leichter Sprache liest kaum jemand.
Oft sind die Texte im Internet sehr versteckt.
Das muss anders werden.

Ich wünsche mir, dass wir alle mutig sagen:
Ich verstehe das nicht.
Bei Konferenzen mit vielen schlauen Leuten.
Beim Arzt. Auf dem Amt.
Überall.

Das war jetzt nicht so lustig.
Lustig auf Kommando ist schwierig.
Aber wir haben letztens in der Vorlese-Stunde Witze in Leichter Sprache gelesen.
Die Vorlese-Stunde ist einmal die Woche über das Internet.
Da haben wir aus dem Buch Leicht und lustig gelesen.
Mein Lieblings-Witz war dieser:

Warum haben Giraffen so lange Hälse?
Damit sie ihre Pupse nicht riechen müssen.

Eine pupsende Giraffe.
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