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Das schöne Mädchen mit der roten Mütze Vorlesen

03. Jul 2020Marlies Kalbhenn
Rote Herzen, Bild von S. Hermann u. F. Richter auf Pixabay

Das schöne Mädchen mit der roten Mütze

Eine kleine Geschichte über eine große Freundschaft

von Marlies Kalbhenn

Mirja und ich waren Freundinnen, solange wir denken konnten.
Wir gingen schon zusammen in den Kindergarten und in die Grundschule.
Und danach besuchten wir dieselbe Gesamtschule.
Klar, dass wir auch in der Gesamtschule in dieselbe Klasse gingen.
Und natürlich saßen wir in der Klasse nebeneinander.
Wir waren eben Freundinnen, solange wir denken konnten.
Beste Freundinnen!

Mirja war, zum Glück für mich, gut in Mathematik.
Sie half mir bei den Matheaufgaben.
Ich half ihr dafür in Deutsch; denn Deutsch war nicht ihre Muttersprache.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Die Geschichte, die ich erzählen will, beginnt an einem Mittwoch im März.

Mirja war nicht nur in Mathematik gut.
Auch im Turnen war sie Spitze.
Aber an diesem Mittwoch hatte sie Schwierigkeiten, an der Kletterstange hochzukommen.
Niemand verstand das.
Am wenigsten Mirja selbst.
Auch am Reck klappte es nicht so gut wie sonst.
Nach dem Aufschwung schnappte Mirja nach Luft.
„Ist etwas nicht in Ordnung mit dir?“, fragte unsere Sportlehrerin Frau Sommer.
„Du bist in letzter Zeit so blass.“
„Ich wachse“, antwortete Mirja.
„Bestimmt liegt es daran.“
„Ich weiß nicht“, sagte Frau Sommer.
Sie schlug vor, dass Mirja zum Arzt gehen solle.

„Frau Sommer hat recht“, sagte ich auf dem Nachhauseweg.
„Irgendetwas stimmt nicht mit dir.
Du atmest anders als sonst.
Und blasser als sonst bist du auch.“
„Ich wachse, Sophie, weiter nichts, sagte Mirja.“
„Ich wachse auch.“
„In der Pubertät verändert sich eben manches.“
„Komm, gib mir deine Tasche!“, sagte ich.
Mirja protestierte: „Das bisschen Schnaufen geht vorüber.“
Aber es ging nicht vorüber.
Mirja wurde von Tag zu Tag kurzatmiger.
Und blasser.

Nachdem der Hausarzt Mirja untersucht hatte, schickte er sie ins Städtische Krankenhaus.
Dort machten sie weitere Untersuchungen.
Schließlich fanden sie heraus, dass Mirja Krebs hatte.
Sie sagten, Mirja müsse in einem anderen Krankenhaus in einer anderen Stadt behandelt werden.

Am Abend vor der Abreise ging ich zu Mirja.
Ich wollte mich verabschieden.
Und ich wollte ihr alles Gute wünschen.
„Du kommst im richtigen Augenblick, Sophie“, sagte Mirja.
„Papa will mir gerade die Haare abschneiden.
Komm mit ins Badezimmer.
Dann kannst du dabei zuschauen!“
„Dein Haar ist doch super, so wie es ist.“
„Stellst du dich nur so dumm, Sophie?
Oder weißt du es wirklich nicht?“
„Was denn, Mirja?“
Mein Herz klopfte plötzlich ganz stark und ganz schnell.
„Jetzt komm schon, Sophie! Papa kann es dir erklären.“

Im Badezimmer erklärte mir Mirjas Vater, dass Mirjas Haare während der Chemotherapie ausfallen würden.
„Deshalb, Sophie, verstehst du?“, sagte Mirja.
Ich will nicht jeden Morgen meine Haare büschelweise auf dem Kopfkissen oder im Waschbecken finden.
Dann lieber alle auf einmal ab. Jetzt sofort.“
„Du musst aber nicht zuschauen“, sagte Mirjas Vater. Er fasste mir unters Kinn und sah mich an.
„Du bist ja jetzt schon weiß wie die Wand, Sophie.“
Als ich das Badezimmer verließ, schämte ich mich. Gleichzeitig war ich erleichtert, dass ich nicht zuschauen musste, wie Mirja ihr Haar verlor.

Eine halbe Stunde später saßen wir zusammen im Wohnzimmer.
Mirjas Mutter und ich wagten nicht, Mirja anzuschauen.
„Dabei sieht es so gut aus“, sagte Mirjas Vater.
Er streichelte Mirjas Igelkopf.
„Es sieht nicht nur gut aus, es fühlt sich auch gut an.“
„Ach, Papa!“, sagte Mirja und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
„Ach, Spatz!“, sagte er und legte den Arm um sie.
„Warum musste dir das passieren?“, fragte ich.
„Warum ausgerechnet dir?“
„Das haben wir uns in den letzten Tagen oft gefragt“, sagte Mirjas Mutter.
„Ich nicht“, entgegnete Mirja heftig.
„Ich meine, warum soll es ausgerechnet mir nicht passieren?“
Aber als sie mich zur Haustür brachte, sagte sie: „Scheiße!“
Ich sagte auch: „Scheiße!“
„Scheiße, Scheiße, Scheiße“, sagte Mirja.
Und dann fing sie an zu weinen.
„Ich werde dir schreiben, Mirja.
Versprochen!
Und ich werde dich besuchen.
So oft es geht.“
Ich nahm sie in den Arm und weinte auch.

An diesem Abend versuchte ich vergeblich einzuschlafen.
Ich musste immerzu an Mirja denken.
An ihren stacheligen Kopf.
Und an den Krebs in ihrem Bauch …
Plötzlich hatte ich eine Idee und stand auf.

Am nächsten Morgen ging ich nicht in die Schule, sondern zu Mirja.
Hoffentlich ist sie noch da, dachte ich.
Sie war noch da.
Sie saß mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder Matti am Frühstückstisch.
„Der Koffer ist schon gepackt“, empfing sie mich.
„Ich habe etwas für dich“, sagte ich und zog ein Päckchen aus meiner Tasche.
„Hier, das habe ich heute Nacht für dich gemacht.“
„Was ist das?“, fragte Matti, während Mirja mein Geschenk auspackte.
„Eine Mütze“, staunte sie.
„Eine Mütze in meiner Lieblingsfarbe!“
Sie setzte die Mütze auf, die ich gestrickt hatte, als ich nicht schlafen konnte.
Dann ging sie zum Garderobenspiegel im Flur.
Als sie zurückkam, setzte sie sich wieder an den Tisch. Die Mütze behielt sie auf.
„Mirja, das Mädchen mit der roten Mütze“, sagte ihre Mutter.
„Das schöne Mädchen mit der roten Mütze“, sagte Mirjas Vater.
„Das schöne Mädchen mit der roten Mütze“, plapperte Matti und klatschte in die Hände.
„Das schöne Mädchen mit der roten Mütze!“
Ich schaute Mirja an und fand, dass sie wirklich sehr schön aussah.
Anders als sonst, aber wunderschön.
Das fand auch Matti.
„Du bist wunderschön, Mirja“, sagte er und kletterte auf ihren Schoß.
Er legte seine kleinen Arme um ihren Hals.
Mirjas Vater schaute auf seine Armbanduhr.
„Es ist so weit“, sagte er.
„Wir müssen fahren, Spatz.“

Mirja musste viele, viele Wochen in der Krebsklinik bleiben.
Ich schrieb ihr, wie ich es ihr versprochen hatte.
Und ich besuchte sie.
Manchmal nahmen ihre Eltern mich mit.
Einmal fuhr ich mit Mama hin, einmal mit Frau Sommer.
Und ein anderes Mal mit unserem Klassenlehrer.
Aber das war, als es Mirja schon wieder etwas besser ging.
Die anderen Male fuhr ich allein mit dem Zug zu Mirja.
Die Fahrt dauerte eine Stunde.
Und vom Bahnhof musste ich noch 10 Minuten mit der Straßenbahn fahren.
Je näher ich der Klinik kam, desto schlechter fühlte ich mich.
Am liebsten wäre ich mit der Straßenbahn sofort zurück zum Bahnhof gefahren.
Aber dann dachte ich an Mirja, die nicht wegfahren konnte …

Endlich, Anfang Dezember, wurde Mirja aus dem Krankenhaus entlassen.
Sie war noch immer sehr blass.
Und sie trug noch immer die rote Mütze.

Fast war alles so wie vorher.
Ich holte Mirja jeden Morgen von zu Hause ab.
Und dann gingen wir gemeinsam zur Schule.
Und nachmittags machten wir gemeinsam Hausaufgaben, abwechselnd bei mir oder bei ihr.

Es war kurz vor Weihnachten, als wir wieder einmal in meinem Zimmer saßen.
Die Hausaufgaben hatten wir bereits gemacht.
Nun wollten wir noch für die Mathearbeit üben.
„Wie bist du in Mathe eigentlich ohne mich zurechtgekommen?“, fragte Mirja.
„Nicht besonders, eigentlich gar nicht.“
Mirja lachte. „Jetzt bin ich ja wieder da!“
Plötzlich nahm sie ihre Mütze ab.
Sie warf sie in die Luft.
„Ich glaube, ich brauche sie bald nicht mehr.“
„Nein“, stellte ich fest, „bald brauchst du sie wirklich nicht mehr.“
„Ich hebe sie auf“, sagte Mirja.
„Klar, schließlich haben wir bald Winter“, sagte ich
„Nicht deswegen, sondern weil …“
„Weil – was?“
„Weil ich es auch ihr verdanke, dass ich noch da bin.“
„Unsinn, so ein … so ein kleines … so ein kleines rotes Nichts“, stotterte ich.
„Stell dich nicht dümmer, als du bist“, sagte Mirja.
„Du weißt genau, dass ich nicht die Mütze meine, sondern dich.
Denn wenn du nicht gewesen wärst …“
„Aber deine Eltern, Matti, die Ärzte, alle anderen …“
„Ja. Aber du auch. Vor allem du, Sophie!“
„Jetzt übertreibst du aber“, sagte ich.
Ich spürte, wie ich rot wurde.
So rot wie meine Mütze.
Wie Mirjas Mütze.
„Was weißt denn du“, sagte Mirja leise.
Dann setzte sie die Mütze wieder auf und schlug das Mathebuch auf.

60 Jahre ist das jetzt her.
Mirja und ich sind immer noch Freundinnen.
Beste Freundinnen.
Weil Mirja wieder in Finnland lebt, treffen wir uns nur einmal im Jahr, abwechselnd in Finnland und Deutschland.
Mirjas wunderschönes Haar ist nicht mehr braun, sondern weiß.
Die rote Mütze gibt es auch immer noch.
Und wenn wir uns treffen, setzt Mirja sie mindestens einmal auf.
Dann erzählen wir den finnischen Enkelkindern oder den deutschen Enkelkindern wie das war damals.
Wie das war, als aus Mirja das Mädchen mit der roten Mütze wurde.
Das schöne Mädchen mit der roten Mütze.

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