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Berlin Vorlesen

31. Jul 2020Jonas Kleindienst
S-Bahn, Bild von Markus Christ auf Pixabay

Berlin

von Jonas Kleindienst

„Berlin stinkt“, sagte Lulu.
„Berlin ist zu groß für dich“, sagte Papa.
„Bei uns ist es doch schön“, sagte Mama.
Doch meine Entscheidung war gefallen.
Papa und Mama brachten mich zum Bahnhof.
Lulu war nicht da.
Sie wollte nicht kommen.
„Mir egal“, sagte ich.
Aber das stimmte nicht.
Mama weinte.
Papa nicht.
Ich nur ein bisschen.

Ich winkte noch einmal durchs Fenster.
Dann fuhr der Zug los.
Und ich war allein.
Die Landschaft flog an mir vorbei.
Bäume. Felder. Dörfer.
Felder. Bäume. Städte.
Und wieder von vorne.
Wie viele Orte es doch gab.
In Wolfsburg setzte sich ein älterer Herr neben mich.
Auf seinen Schuhen war ein weißer Fleck.
Ich glaube, es war Vogelscheiße.
Schnell schaute ich wieder aus dem Fenster.

Irgendwann gab es keine Felder mehr.
Auch die Bäume wurden seltener.
Nur noch Häuser.
„In wenigen Minuten erreichen wir Berlin Hauptbahnhof“, sagte der Zugführer.
Berlin. Ich war wirklich in Berlin.
Der ältere Herr packte seine große Zeitung ein und ging.
Er hatte immer noch Vogelscheiße an den Schuhen.
Ich blieb sitzen.
Ich hatte Angst.
Ich wartete bis niemand mehr da war.
Dann stand ich auf und ging hinaus.
Ich atmete tief ein.
Es stimmte: Berlin stinkt!
Aber das machte mir nichts.

Dann suchte ich Manfred.
Er sollte mich abholen.
„Ich werde eine rote Mütze tragen“, hatte er mir am Telefon gesagt.
Ich trug keine Mütze.
Trotzdem fand mich Manfred zuerst.
„Willkommen Josch! Schön dass du da bist“, begrüßte mich Manfred.
Ich mochte ihn sofort.
Er war riesig und hatte einen dichten Vollbart.
Und er war immer nett.

Berlin mochte ich erst nicht so.
Berlin war auch riesig.
Aber Berlin hatte keinen Vollbart.
Und war auch nicht immer nett.
Manfred brachte mich in meine WG.
Dort lernte ich die anderen kennen.
Neben mir wohnte Tom.
Tom war nur wenig älter als ich.
Er liebte Fußball.
Und Hertha BSC.

„Wo spielst du am liebsten?“, fragte er mich.
Ich schüttelte den Kopf.
Ich spielte keinen Fußball.
Wir wurden trotzdem Freunde.
Claudia war auch ok.
Sie war älter.
Fast vierzig.
Ihre Nase war krumm.
Manchmal schrie sie.
Einfach so.
„Weil es raus muss“, sagte sie.
Oft ging ich dann raus.

Dann gab es noch Bernd.
Bernd war am schwierigsten.
„Sofia war mir lieber“, sagte er zur Begrüßung.
Mehr sagte er nicht.
„Josch wohnt jetzt in Sofias Zimmer“, erklärte Manfred.
Bernd wollte davon nichts hören.
Doch er konnte nichts daran ändern.

Ich wohnte jetzt in Berlin.
Die ersten Tage blieb ich meistens in der WG.
Jeden Tag kam Manfred vorbei.
Er half mir das Zimmer einzurichten.
Er redete mit mir.
Und er zeigte mir alles.
Den Aldi nebenan.
Die U-Bahn-Station.
Und den Park.
Der Park gefiel mir am besten.
Er erinnerte mich an daheim.

Natürlich vermisste ich mein Zuhause.
Ich vermisste Mama und Papa.
Und Lulu.
Lulu am meisten.
„Komm mich besuchen“, schrieb ich ihr.
„Komm zurück“, schrieb sie mir.
Doch das ging nicht.
Ich wohnte jetzt in Berlin.
Am Anfang machte mir die Stadt Angst.
So viele Menschen.
So viele Autos.
So viele Wege.
Doch irgendwann war ich bereit.
Ich wollte Berlin sehen.

„Ich zeig dir das wichtigste“, sagte Tom.
Wir nahmen die U-Bahn. Linie U2.
„Keine Angst, ist gar nicht so schwer“, sagte Tom.  „Man muss nur aufpassen.“
Tom passte auf.
„Aussteigen“, rief er.
Wir waren da.
Aber noch nicht ganz.
Erst mussten wir noch etwas laufen.
Dann waren wir da.
„Das wichtigste Gebäude Berlins“, erklärte Tom. „Das Olympiastadion.“
„Ganz schön groß“, sagte ich.
„Hier spielt Hertha“, sagte Tom.
Leider konnten wir nicht reingehen.
„Heute ist kein Spiel“, erklärte Tom.

Am nächsten Tag ging ich allein los.
Ich wollte den Fernsehturm sehen.
„Nimm die U2“, sagte Tom.
Ich nahm die U2.
Doch ich passte nicht auf.
Fuhr in die falsche Richtung.
„Ruhleben. Endstation“, sagte der Lautsprecher.
Ich stieg aus.
Ruhleben war komisch.
Da gab es nichts. Nur eine große Straße.

„Wo geht es zum Fernsehturm?“, fragte ich einen Mann.
Er trug eine blaue Latzhose und trank Bier.
„Was bist du denn für ein Idiot?“, antwortete er.
Schnell ging ich zurück zur U-Bahn.
Ich wollte wieder zur WG.
Doch vor lauter Aufregung hatte ich meine Station vergessen.
Ich stieg dreimal falsch aus.
Es war bereits dunkel, als ich in der WG ankam.
Manfred hatte sich schon Sorgen gemacht.
„Berlin ist zu groß für dich“, sagte Papa am Telefon.
„Sei vorsichtiger“, sagte Mama am Telefon.
„Komm zurück“, sagte Lulu am Telefon.

Danach machte ich erstmal keinen Ausflug mehr.
Dafür ging ich jetzt zur Arbeit.
Manfred hatte einen Werkstattplatz für mich gefunden.
Die Arbeit machte Spaß.
Tom ging zur selben Werkstatt.
Wir fuhren jeden Tag mit der U-Bahn dorthin.
Ich lernte, aufzupassen.
Am ersten Wochenende zeigte mir Manfred den Fernsehturm.
Er war wirklich riesig.
Als ich nach oben schaute, schwankte er.
Ich hatte ein bisschen Angst, dass er umfiel.
Aber ich wusste, dass das dumm war.
Also sagte ich nichts.

Mit der Zeit lernte ich Berlin besser kennen.
In Berlin gab es viele komische Menschen.
Berlin stank und war laut.
In Berlin war der Himmel oft grau.
Aber trotzdem mochte ich Berlin.
In Berlin war immer was los.
Berlin war bunt und voller Überraschungen.
Und wenn die Sonne schien, waren alle glücklich.
Trotzdem vermisste ich vieles.
Vor allem Lulu.
„Komm mich besuchen“, schrieb ich ihr.

Und endlich kam sie.
Ich holte sie am Bahnhof ab.
Ganz allein.
Ich musste keine Mütze tragen.
Lulu erkannte mich auch so.
Wir sahen uns gleichzeitig.
Sie trug ihren roten Lieblingspullover.
Und sie strahlte, als sie mich sah.
Auch ich strahlte, als ich sie sah.
Lulu atmete tief ein.
„Berlin stinkt ja gar nicht“, sagte sie.
Ich atmete tief ein.
Es stimmte. Diesmal stank Berlin nicht.

Lulu gefiel mein Zimmer.
Sie mochte Tom und Claudia.
Sogar Bernd redete mir ihr.
„Du erinnerst mich an Sofia“, sagte er.
„Lulu gehört zu mir“, sagte ich.
Lulu legte einen Arm um mich.
Ich war glücklich.

Lulu blieb drei Tage.
Ich zeigte ihr den Park.
Das Olympiastadion.
Und den Fernsehturm.
„Der schwankt so“, sagte Lulu.
„Ich habe Angst, dass er umstürzt.“
Ich lachte.
„Das kann gar nicht passieren“, beruhigte ich sie.
Und mich.

Ich legte meinen Arm um sie.
Sie drückte sich eng an mich.
„Ich wünschte, wir wären immer zusammen“, flüsterte sie.
„Ich komme nicht zurück“, sagte ich.
„Ich bin erwachsen.
Ich möchte nicht mehr daheim wohnen.“
„Ich weiß“, sagte Lulu.
„Aber vermisst du mich nicht?“
„Doch“, sagte ich.
„Natürlich vermisse ich dich.“
Und dann sagte ich was verrücktes.
„Ich liebe Dich“, sagte ich.
Und ich hatte überhaupt keine Angst mehr.

Am letzten Tag brachte ich Lulu zum Zug.
Der Himmel war grau und Berlin stank wieder.
„Schade, dass du schon wieder gehst“, sagte ich.
„Ja“, antwortete Lulu.
„Weißt du was?“, fragte sie.
„Was?“, fragte ich.
„Es hat mir gut gefallen. Hier bei dir. In Berlin“, sagte sie.
„Komm wieder“, sagte ich.
„Ja.“ sagte Lulu.
Dann ging sie in den Zug.
An der Tür drehte sie sich nochmal um.
„Josch“, sagte sie. „Ich habe eine Idee. Ich ziehe auch nach Berlin!“

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