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Alexandra erzählt: Wer erzählt mir die Geschichten Vorlesen

30. Jan 2020Doreen Kuttner
Alexandra erzählt

Wer erzählt mir die Geschichten?

Ich bin Schrift·stellerin.
Ich werde oft gefragt:
Wie schreibst du eine Geschichte?
Fällt dir immer etwas ein?
Denkst du dir alles aus?
Oder hast du alles selber erlebt?
Was machst du, damit die Geschichte gut wird?

Alles selber erlebt habe ich nicht.
Und es ist auch nicht so passiert.
Aber wenn man eine Geschichte von mir liest.
Dann soll es sich echt an·fühlen.
Als ob es so passieren kann.

Wie mache ich das?
Ich habe gute Pro·tago·nisten.
Pro·tago·nist ist das schwere Wort für:
Ein Mensch, der für die Geschichte wichtig ist.
Also eine Frau, der die Geschichte passiert.
Oder ein Mann.
Wenn das interessante Leute sind,
dann liest man gerne weiter.
Das kennt man aus dem echten Leben.
Manchen Leuten hört man einfach gerne zu.
Ent·weder weil sie etwas Spannendes erlebt haben.
Oder weil sie gut erzählen können.
Dann macht es Spaß und man will wissen:
Wie geht es weiter?

Für mich ist das Geschichten-Schreiben so,
wie wenn ich jemanden kennen lerne.
Nämlich meine Pro·tago·nisten.
Ich sitze am Com·puter und sage in meinem Kopf:
Dann mal los!
Dann fange ich an zu schreiben.
Und lese gleich·zeitig selber mit.
Das ist eine verrückte Sache.
Ich muss mir eigentlich gar nichts aus·denken.
Die Leute aus meinen Geschichten sind in mir drin.
Und erzählen.
Ich schreibe einfach mit.
Und passe dabei gut auf:
Wer erzählt denn da?
Ist das ein Mann oder eine Frau?
Alt oder jung?
Kann sie etwas Besonderes?
Das schreibe ich auch auf.
Am besten so nebenbei.
Niemand will zum Beispiel lesen:
Der Mann in der Geschichte ist 42 Jahre alt und lebt in Paris und hat einen Hund.
Meine Aufgabe ist: Das so neben·bei rein·zu·schreiben.
Zum Beispiel so:
„Als ich noch jung war, dachte ich:
Erwachsene haben ihr Leben im Griff.
Das hatte ich eigentlich auch.
Bis mir Frido zulief.
Genau an meinem Geburtstag.
Bei uns in Paris gibt es eine Menge Straßen·hunde.
Glaubt man gar nicht.
Paris, da denkt man an den Eiffel·turm und Croissants und die großen Straßen mit den teuren Geschäften.
Aber es gibt auch kleine Straßen und arme Leute.
Und eine Menge Hunde, die nur sich selbst gehören.
Sie haben keinen Namen.
Frido hatte auch keinen.
Bis ich ihn fand.
Hinter dem Res·tau·rant, wo ich meinen Geburts·tag feierte.
Genau bei den Müll·tonnen.“

Ha! Jetzt will ich gerne selber wissen, wie es weiter geht. Schon ist es passiert. Eine Geschichte hat angefangen!
Und ich denke nach:
Was ist das wohl für ein Hund?
Wie hat der Mann ihn gefunden?
Will er ihn überhaupt haben?
Was macht dieser Mann sonst so?

Eine Geschichte besteht aus vielen solchen Fragen. Und den Antworten darauf.

Für wen ist die Geschichte von dem Mann und dem Hund interessant?
Vielleicht für Menschen, die Hunde mögen.
Oder für Menschen, die Paris mögen.
Oder für Menschen, die Männer mögen, die Hunde mögen.

Meistens mögen wir Geschichten,
wenn sie etwas mit uns zu tun haben.
Oder zu tun haben könnten.
Die wenigsten Menschen können zaubern.
Aber viele würden es gerne können.
Deshalb mögen viele Leute Harry Potter gerne.
Da kann man sich vorstellen:
wie es, ist ein Zauberer zu sein.
Manchmal reicht schon viel weniger.
Man kann sich vor·stellen:
ein bisschen mutiger zu sein.
Ein bisschen ver·rückter.
Ein bisschen stärker.
Ein bisschen glücklicher.

Damit man es sich gut vor·stellen kann,
braucht man eine Ver·bindung.
Zu dem Mensch in der Geschichte.
Und das geht dann besonders gut,
wenn dieser Mensch ein bisschen ähnlich ist wie ich.
Deshalb lesen Schüler und Schüler·innen gerne Harry Potter. Der ist nämlich auch ein Schüler.

Und deshalb ist es auch eine gute Idee:
Wenn Menschen in Geschichten ganz ver·schieden sind.
Wenn also nicht nur starke Männer vorkommen.
Oder nur nette und liebe Frauen.
Oder nur süße Kinder.
Das wird lang·weilig.
Ich will auch was lesen von schwachen Männern.
Vielleicht kommt ein starkes Kind und hilft denen.
Und eine gar nicht nette Frau soll bitte auch vor·kommen.
Bitte auch Menschen mit Roll·stuhl.
Und bitte auch Leute, die nicht den ganzen Tag gut drauf sind.
Wenn die Geschichte gut ist:
Haben alle darin Platz.
So schwer ist das gar nicht.
Wir erzählen ja eigentlich alle Geschichten.
Sie können ganz kurz sein.
Wollt ihr die kürzeste Geschichte der Welt hören?
Sie ist sehr traurig.
Ein berühmter Schriftsteller hat sie geschrieben.
Er heißt Ernest Hemingway.
Die Geschichte hat nur sechs Worte und geht so:
Zu verkaufen: Baby-Schuhe. Nie getragen.

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